Umarmen
Sollte der Bundestags jemals eine Enquete-Kommission zum Thema "Sich begrüßen und sich verabschieden" einsetzen, so wäre er gut beraten, Nadja und mich in diese Enquete-Kommission zu berufen, denn seit Jahren schon forschen wir intensiv zu Begrüßung und Verabschiedung. Wir können mit Fug und Recht von uns behaupten, einen der wenigen Exzellenzcluster auf diesem Gebiet zu bilden. Unsere Untersuchungsergebnisse zum Stirnkuss hatten entscheidenden Einfluss auf die Rezeptionsgeschichte des Zauberbergs (oder werden das zumindest irgendwann haben) und die von uns erstellte präzise Analyse des Vorstellungsproblems ("Hallo, ich bin Lars" - "Hi, ich bin Nadja" - "Wie hieß die jetzt noch mal?") wird die Welt sicherlich ein kleines Stückchen besser machen, sollten wir sie irgendwann einmal niederschreiben. Das heißt natürlich nicht, dass Nadja und ich in diesen Fragen immer einer Meinung sind. Dissenz ist schließlich Motor, Schmieröl, Kurbelwelle und Zündkerze des Fortschritts. Auch in dem, was ich über das Umarmen als Verabschiedung denke, wird Nadja mir kaum zustimmen.
Im Allgemeinen wird nämlich viel zu viel umarmt, wie ich finde. Man umarmt sich zur Begrüßung, man umarmt sich zur Verabschiedung, man umarmt sich, weil irgendwer Geburstag, Namenstag oder Bar Mitzwa hatte oder betrunken vom Klo zurückgekommen ist. Manchmal ist das natürlich notwendig, denn Umarmen ist ein Teil des langwierigen und vertrackten Kennenlernprozesses, der einen aus dem Leben in der Einsamkeit führen soll. In einer Phase, die ungefähr drei Wochen nach dem ersten Kennenlernen einer Person beginnt und spätestens nach anderthalb Jahren enden sollte, ist es hilfreich, sich zu umarmen, um zu signalisieren, dass man nun in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander steht. Warum man aber danach noch regelmäßig, also zur Begrüßung und zur Verabschiedung, die Arme umeinander schlingen und die Bäuche aneinander reiben sollte, ist mir schleierhaft.
Menschen, die ich meine gut bis sehr gut kennengelernt zu haben, verabschiede ich gerne überhaupt nicht oder mit einem leichten Heben der Hand, denn ich weiß ja, dass sie sowieso wiederkommen (außer ein Zehntonner fährt ihnen ins Auto, aber dann habe ich gewiss andere Sorgen, als dass ich sie nicht mehr umarmt habe). Genau wie das Zurückhalten von Ironie und Motzerei, genau wie alle Teile des Kennenlernprozesses ist häufiges Umarmen anstrengend. Es ist eine reine Freude, sich einer Freundschaft so sicher zu sein, dass man den Umarmquatsch sein lassen kann, ohne gleich befürchten zu müssen, den anderen in tiefstes Grübeln gestürzt zu haben. Jeder sollte das einmal ausprobieren. Umarmen kann man sich ja immer noch, wenn irgendetwas Besonderes ist, Katze tot, Hochzeit, Bachmannpreis. Auch in Enquete-Kommissionen darf man sich meinetwegen ständig und immer wieder umarmen. Stirnküsse wären mir allerdings noch lieber.
Im Allgemeinen wird nämlich viel zu viel umarmt, wie ich finde. Man umarmt sich zur Begrüßung, man umarmt sich zur Verabschiedung, man umarmt sich, weil irgendwer Geburstag, Namenstag oder Bar Mitzwa hatte oder betrunken vom Klo zurückgekommen ist. Manchmal ist das natürlich notwendig, denn Umarmen ist ein Teil des langwierigen und vertrackten Kennenlernprozesses, der einen aus dem Leben in der Einsamkeit führen soll. In einer Phase, die ungefähr drei Wochen nach dem ersten Kennenlernen einer Person beginnt und spätestens nach anderthalb Jahren enden sollte, ist es hilfreich, sich zu umarmen, um zu signalisieren, dass man nun in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander steht. Warum man aber danach noch regelmäßig, also zur Begrüßung und zur Verabschiedung, die Arme umeinander schlingen und die Bäuche aneinander reiben sollte, ist mir schleierhaft.
Menschen, die ich meine gut bis sehr gut kennengelernt zu haben, verabschiede ich gerne überhaupt nicht oder mit einem leichten Heben der Hand, denn ich weiß ja, dass sie sowieso wiederkommen (außer ein Zehntonner fährt ihnen ins Auto, aber dann habe ich gewiss andere Sorgen, als dass ich sie nicht mehr umarmt habe). Genau wie das Zurückhalten von Ironie und Motzerei, genau wie alle Teile des Kennenlernprozesses ist häufiges Umarmen anstrengend. Es ist eine reine Freude, sich einer Freundschaft so sicher zu sein, dass man den Umarmquatsch sein lassen kann, ohne gleich befürchten zu müssen, den anderen in tiefstes Grübeln gestürzt zu haben. Jeder sollte das einmal ausprobieren. Umarmen kann man sich ja immer noch, wenn irgendetwas Besonderes ist, Katze tot, Hochzeit, Bachmannpreis. Auch in Enquete-Kommissionen darf man sich meinetwegen ständig und immer wieder umarmen. Stirnküsse wären mir allerdings noch lieber.
larsweisbrod - das ganz kleine Grauen - 31. Okt, 21:15
