Schwarze Clubmusik hat schon so ziemlich alles besungen: Frauen, die heiß sind, Frauen, die ihre Bootys shakes sollen, und, na ja, heiße Frauen, die ihre Bootys shaken sollen. Die Helden von N.E.R.D. ergänzen diese Reihe in ihrem neuen Song um einen weiteren Punkt: Sie singen endlich über das bekannte, aber stark vernachlässigte Clubphänomen "Frauen, die in der Schlange vorm Klo stehen". Was machen die Frauen da? Warum müssen die alle aufs Klo? Wieso dauert das so lange? Und durch welche infrastrukturellen Maßnahmen lassen sich lange Schlangen vor der Frauentoilette vermeiden? Diese und andere Fragen beantworten N.E.R.D. in ihrem Song natürlich nicht, dafür tritt im Video aber Lindsay Lohan auf.
Das mit dem freien Willen hat sich ja so gut wie erledigt. Gibt es nicht. Hat es nie gegeben. Vollkommen inkonsistent, als Begriff. Bumms aus. Klappe zu, Affe tot. Gehen Sie nach Hause, es gibt nichts mehr zu sehen. Beziehungsweise: Wenn es ihn doch gibt, dann ist er nicht das, was wir eigentlich wollten. Kennen wir ja. Man kriegt nie, was man will. Aber wen interessiert's schon? Ändert doch alles nix! Auch der forscheste Hirnforscher bleibt morgens nicht im Bett liegen, weil er darauf wartet, dass sein Gehirn, der blöde Kasten, sich für oder gegen Aufstehen entscheidet. Die Illusion eines freien Willens hilft ihm aus dem Bett! Sie hilft ihm ins Bad, in die Schuhe, in die Hirnforschungsstelle und abends ins Bett zu seiner Frau. Aber was heißt hier Illusion? Welch billige euphemistische Umschreibung! Eine Lüge ist's doch wohl, 'ne knallharte, auch wenn man sich mit ihr bloß sebst belügt. Aber das reicht doch! Lüge, Lüge, Lüge nennen wir dich, du alten Gedanken an unser autonomes Selbst. Eine der wichtigsten Pfeiler unseres Hierseins: 'ne Lüge! Wertet das jetzt den Pfeiler ab oder die Lüge auf? Die Lüge auf, natürlich! Aber es ist ja nicht nur irgendeine Lüge. Selbst wenn wir wissen, dass es eine Lüge ist, lassen wir uns weiterbelügen. Und selbst wenn wir wissen, dass wir uns weiterbelügen lassen, obwohl wir wissen, dass es eine Lüge ist, lassen wir uns weiterbelügen. Und so weiter. Und so fort. Da kommt man nicht mehr raus. Die Lüge ist einem immer schon einen Schritt voraus. Wie der Igel dem Hasen, würden Feuilletonisten jetzt sagen. Die Lüge ist mehr als die berühmte Summe ihrer Teile. Die Lüge ist, wenn dieses Wort im 21. Jahrhundert überhaupt noch irgendeinen Sinn ergibt: transzendent! Transzendenz, du schönes Ding, wir haben dich endlich wieder. Hier bist du, sei gegrüßt, wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst!
Aber das mit der Lüge und der Transzendenz hört ja nicht auf bei dem einen Pfeiler. Das geht weiter. Die physische Welt um uns herum: Vollkommen unsicher, das ganze Zeutg. Vermutlich nur die weniger schlechte vieler schlechter Theorien. Eine schwache Hypothese, getragen auf den mächtigen Betonstützen der Nützlichkeit. Aber: Who cares? We don't! Denn wir belügen uns transzendent und führen uns selbst hinters Licht. Tun so, als sei da wirklich ein Tisch, ein Stuhl, ein Hirnforscherehefrauenkörper, nur weil man das anfassen kann und sehen und riechen. Wahrheit, Bedeutung, Schönheit, das gibt es nach letztem Erkenntnisstand (siehe Zeitung von gestern oder vorgestern) doch alles gar nicht und dann doch wieder, weil wir die Lüge herumerzählen, es gäbe das alles. Weil unsere Lügen transzendente Weltretter sind, mit denen wir aus dem nichts die wunderbarsten Sachen entstehen lassen. Auch die Wunderbarste, wie ein adoptierter Karnevalsschlager der vergangenen Session uns mitteilt. Gehen tut der so:
"Es ist ja ganz gleich,
wen wir lieben,
und wer uns das Herz einmal bricht.
Wir werden vom Schicksal getrieben
und das Ende ist immer Verzicht.
Wir glauben und hoffen und denken,
daß einmal ein Wunder geschieht,
doch wenn wir uns dann verschenken
ist es das alte Lied:
Nur nicht aus Liebe weinen,
es gibt auf Erden nicht nur den einen.
Es gibt so viele auf dieser Welt,
ich liebe jeden, der mir gefällt!
Und darum will ich heut Dir gehören,
Du sollst mit Treue und Liebe schwören,
wenn ich auch fühle, es muß ja Lüge sein,
ich lüge auch und bin Dein.
Wir kamen von Süden und Norden
mit Herzen so fremd und so stumm
so bin ich die Deine geworden
und ich kann Dir nicht sagen warum.
Denn als ich mich an Dich verloren,
hab ich eines anderen gedacht.
So war die Lüge geboren
schon in der ersten Nacht.
Nur nicht aus Liebe weinen,
es gibt auf Erden nicht nur den einen,
es gibt so viele auf dieser Welt
ich liebe jeden, der mir gefällt !
Und darum will ich heut Dir gehören,
Du sollst mit Treue und Liebe schwören,
wenn ich auch fühle, es muß ja Lüge sein,
ich lüge auch und bin Dein."
In unserem Bad hört man den Herzschlag des Hauses. Ja, das Geräusch, das man in unserem Bad hört, kann nur das Schlagen eines übergroßen und starken Herzens sein. Das glaubt man einen schönen Moment lang, bis man merkt, dass in der Wohnung im ersten Stock bloß die olle Waschmaschine läuft.
Der Sonntagmittag ist meist der Sonntagmorgen. Man ist langsam und träge, schläft lang, früstückt lang, duscht lang. Wenn man also ausgeschlafen hat und unheimlich wohlig satt ist, begibt man sich langsam und träge ins Bad, sehr langsam und träge, man schlurft regelrecht dorthin und freut sich darüber, dass man eine wiederkehrende Situation im Leben hat, zu der der Begriff "schlurfen" derart gut passt.
Auch der gestrige Sonntag verlief bis zu diesem Zeitpunkt genau wie geschildert. Vor der Badewanne ereilten mich dann jedoch ein verfrühter Schlurfstopp und der erste hellwache Moment des Tages: statt einer einladenden, reinen Wanne sah ich mich einem Meer aus mit Bröckchen durchsetztem essigfarbenem Wasser und einem quellgleichen Sprudeln entgegen. Das Grauen, das Grauen aus dem Abfluss, das schon so einige mit dem oft sehr wüsten Gluckern aus unseren Rohren assoziiert hatten, jetzt war es also da. Und es hatte Bröckchen mitgebracht. Alles Pümpeln und Fluchen und während des Pümpelns Fluchen half nichts. Die Badewanne blieb ein Neapel nach heftigen Regengüssen, ein erstes Klärwerkbecken, ein Meer voll Grauen mit Bröckchen.
"Ach bitte", flehte ich, während ich mit dem randvollen Eimer zwischen Badewanne und Toilette hin- und herpendelte, "ach bitte erzähle mir doch eine Geschichte von einem klaren Bergsee." Uns ach bitte, ach bitte, wirf mich dann hinein.
Gut ist, dass in unserer Dusche immer noch der Aufkleber mit dem Hinweis "INNEN" klebt, der vor zehn Jahren den Monteuren dienen sollte, die Dusche richtigherum einzubauen. So weiß man zumindest beim Duschen immer, wo man gerade ist, nämlich innen, und wo nicht, nämlich außen. Wieder ein kleiner Sieg über die alte Hexe Orientierungslosigkeit, die unsere Jugend verdirbt!
Ein Einwohner Deutschlands, so war neulich zuhören, besitzt durchschnittlich 20 000 Gegenstände. Von manchen dieser vielen Sachen, die einem gehören, hat man schon längst vergessen, dass es sie gibt, andere fallen einem nur auf, weil sie im Badezimmer stehen und man immer draufguckt, wenn man auf dem Klo sitzt. So entrann auch das "Arya Laya Heilkräuter Ölbad" dem Schicksal, von mir zwischen seinen 19 999 Genossen vergessen zu werden. Ein glücklicher Umstand, denn bei dem "Arya Laya Heilkräuter Ölbad" handelt es sich um ein Schmuckstück an Produktbetextung, das einem so manch bitteren Tag versüßen kann, nicht zuletzt weil das "Arya Laya Heilkräuter Ölbad" aus Internationalität bilingual beschrieben wird.
"Suitable for whirl pool bathing" bzw. "auch für Sprudelbäder geeignet" ist das Ölbad, das ist gut, denn Sprudelbäder sind es, die unsere Welt im Innersten zusammenhalten, wie ich nicht müde werde, auf internationalen Kongressen und Tagungen zu betonen. Doch "Arya Laya Heilkräuter Ölbad" ist nicht gleich "Arya Laya Heilkräuter Ölbad", verschiedene Kompositionen wurden genau auf die Bedürnisse des modernen Menschen abgestimmt. Die sich in meinen Besitz befindliche Essenz nennt sich "Manager Bad", ferner gibt es auch ein "Atemfrei Bad", ein "Zarte-Haut Bad", ein "Gut-zu-Fuß Bad" und gar ein "Pilz-adieu Bad", das biologisch nicht ganz korrekt "antibakteriell" wirken soll.
Aber wer will dem "Arya Laya Heilkräuter Ölbad" solche Nebensächlichkeiten übelnehmen, wo es uns doch, wie auf der Rückseite zu lesen, mit revitalizing and refreshing pine needle beglückt, mit hay flowers, comfortable against tensions, mit soporific hop, grooming camomile, blood circulation stimulating chestnut, relaxing lavender, calming melissa und stimulating rosemary! Warming and invigorating thyme, tonicising juniper, tightening horsetail - ach, die Welt wäre ein guter Ort, wären alle 20 000 Gegenstände, die uns gehören, so wohlklingend beschrieben!
Es gibt ja schon so ziemlich alles auf der Welt, sodass man immer wieder staunend davor steht und sich fragt: Was kommt wohl als nächstes? Ein trapezförmiger Neubau mit einem markanten Riesen-WC als Aussichtsplattform, entworfen vom französischen Designstar Philippe Starck? Aber auch da war die Welt mal wieder schneller als wir, denn selbst das gibt es bereits: Es handelt sich um das an dieser Stelle bereits erwähnte Duravit Design Center in Hornberg (Schwarzwald). Dort kann man also nicht nur probebaden, sondern auch vom Rand einer überdimensionalen Kloschüssel winken. Bleibt wieder nur die Frage: Was kommt wohl als nächstes?
23.10.: Nadja beim Poetry Slam in der Exerzierhalle, Oldenburg. 29.-31.10.: Lars und Nadja fahren als Koblenzer Slammaster zum Slam 2009 nach Düsseldorf und hängen da rum. Am Samstag muss Nadja kurz mit rumhängen aufhören und das U20-Finale im Schauspielhaus moderieren. 03.11.: Die November-Ausgabe der Kanapee-Poeten im Café Lübke, Trier. Diesmal als Kanapee-Gast: der unglaubliche Frank Klötgen aus Berlin!