"Die auf diesem Coupon gezeigten Lebewesen sind aufgrund der unterschiedlichen thematischen Ausrichtung nicht unbedingt in jedem SEA LIFE Aquarium zu sehen"
Zuerst findet man den auf dem SEA-LIFE-Gutschein abgedruckten Hinweis, die gezeigten Lebewesen seien nicht in jedem Aquarium zu sehen, befremdlich. Schnell wird aber klar, dass zur artgerechten Haltung natürlich für jede Kinderspezies spezielle Kinderquarien benötigt werden. Der abgebildete blonde Junge beispielsweise fühlt sich im SEA LIFE Speyer wohl, wo er den ganzen Tag Was-ist-Was-Bücher durchblättern darf, nervige Fragen stellt und mit seinen Freunden lautstark "Stadt, Land, Fluss" spielt. Rothaarige Pummelkinder mit laufender Nase, die Kleineren den Fussball wegtreten, lassen sich hingegen im SEA LIFE Oberhausen bewundern. Hier hat man sich mit einer ausgewogenen Snickersdiät auf die Wonneproppen eingestellt. Im SEA LIFE Hannover wiederum haben schüchterne Mädchen mit Tigerentenbrillen und Dinosaurier-Pflaster auf einem Brillenglas die Möglichkeit, sich jeden Tag ein Pony zu wünschen und anschliessend eine Stunde schrecklich zu weinen, weil sie keins bekommen. Alle Kinderquarien sind, wie man sieht, genau auf die Bedürfnisse der Kinder zugeschnitten, denn bei SEA LIFE steht Kinderschutz im Mittelpunkt. Dafür hat der Kunde natürlich Verständnis.
Dies ist ein Tag, an dem die Menschen langsam gehen, um sich zu schonen. Sie alle müssen noch sehr lange wach bleiben. Und man sieht sie an, jedem einzelnen sieht man ins Gesicht, und weiß: Heute Nacht wird er wach sein und euphorisch oder aber wach und todtraurig. Er wird jubeln und die Treppenstufen hinunterspringen oder er wird weinen und vom Dach hinunterspringen. Jetzt gerade sieht man den Unterschied noch nicht, jetzt gerade ist der eine wie der andere langsam, im Schongang.
Bevor ich morgens das Haus verlasse, sehe ich aus meinem Fenster auf die Straße und achte darauf, welche Klamotten die Menschen tragen, um daraus Schlüsse auf die Temperaturverhältnisse zu ziehen und mich im Hinblick darauf angemessen zu kleiden. Vorallem auf die Radfahrer achte ich, denn in 80 Prozent der Haus-verlassen-Fälle nehme auch ich das Fahrrad, um an mein Ziel zu gelangen. Natürlich reicht nicht ein einzelner Radfahrer, es ist schließlich möglich, dass ich dann genau den einen erwische, der auch bei arktischen Temperaturen nicht auf Bermuda-Shorts, Hawaii-Hemden und seine Lieblingssandalen verzichten will. Ich muss also ungefähr fünf bis zehn Räder abwarten, um eine repräsentative Schnittmenge zu erhalten. Bei kaltem Wetter, wie es zur Zeit herrscht, erfreue ich mich dann gleichzeitig an der oft amüsanten Mützenmode, an den unterschiedlichen Rottönen der Nasen oder daran, wie hoch manch einer seine Schultern bzw. wie tief seinen Kopf zwischen diese ziehen kann. Mein liebstes Indiz für Kälte, mein liebster Hinweis auf "Handschuhe und Mütze anziehen!" ist aber eine besondere, leicht akrobatisch angehauchte Fahrweise. Die Straße vor meinem Fenster ist leicht abschüssig und man kann sich herrlich rollen lassen. Wenn es kalt ist und jemand keine Handschuhe und keine Mütze trägt, dann steckt er gerne die Hände in die Jackentaschen, zieht den Kopf ein und lässt freihändig das Rad den Weg die Straße hinunter finden. Manchmal warte ich dann sogar fünfzehn bis zwanzig Räder ab, um möglichst viele lässig auf dem Sattel ruhende Menschen mit tief in den Taschen vergrabenen, verfrorenen Händen und im Kragen kaum sichtbarem Kopf meinen Fensterrahmen von rechts nach links durchziehen zu sehen. Dann sitze ich am Fenster und schmunzele und der Tag beginnt gut.
Ich lüfte gerne. Denn beim Lüften kommt frische Luft rein und außerdem kommen die Stimmen von der Straße rein. Gerade zum Beispiel, denn da sagte eine ältere Dame, die mit ihrem Hund ein Stück vor einer zweiten älteren Dame ging, laut und klar: "Es ist schon ein bisschen kälter als gestern. Sind Sie ohne Strümpfe?"
"Sind Sie ohne Strümpfe?" Ein Satz, den es sich zu merken gilt. Ein Satz, der viel zu selten laut auf der Straße ausgesprochen wird. Das ist höfliche Distanz durch ein "Sie" und kuschelige Nähe durch die Frage nach den Strümpfen. Das ist Wohlklang und Alltäglichkeit in einem. Zwei ins eins zu keinem Preis.
Die Antwort der zweiten älteren Dame lautete übrigens "Ja." Hinten gehen, frieren und nicht mal was Wohlklingendes sagen, das ist ein trauriges Schicksal. Und einen Hund hatte sie auch nicht.
Wie der Schimmel im Badezimmer vermehren sich die Kommunikationsplattformen: Internetcommunitys, interaktives Fernsehen, Handyportale. Aber wenn es um Konzerttermine geht schlägt trotzdem nichts die gute alte Eisenbahnunterführung mit ihren vielfältigen Möglichkeiten der Plakatanbringung. Nichts kommuniziert besser als Eisenbahnunterführungen, einmal durchgegangen und man weiß, was abgeht, wo der Bär steppt, wie der Hase läuft.
Von diesem Plakat beispielsweise erfährt man, dass die langweilige Norah Jones so tun kann, als sei sie das niedlichste Mädchen der Welt, um den Preis für das niedlichste Mädchen der Welt bei den diesjährigen Niedlichkeitsawards abzustauben. Man würde gerne wissen, was sich in der Richtung befindet, in die Miss Jones schielt; vielleicht aber auch nichts und der Fotograf hat ihr bloß gesagt, sie solle mal ihre Augen so weit nach links drehen, wie sie kann.
Katie Melua, von der man eigentlich das Foto des niedlichsten Mädchens der Welt erwartet hätte, sieht leider so aus, als spiele sie die Medusa in einer modernen Inszenierung des Stadttheaters Detmold. Obwohl man nicht genau erkennen kann, was es sein soll, das sie um den Hals herum trägt, weiß man, dass es sehr hässlich ist. Auch der weiße Hintergrund schmeichelt ihr nicht.
Dieses Plakat wirbt für ein Konzert der mir unbekannten Gruppe "Steely Dan". Vermutlich handelt es sich um weiße Blueslegenden, denn nur weiße Blueslegenden tragen blaue Anzüge und Vollbart zu schütternem Haar. Vermutlich sind die beiden auch wie alle weißen Blueslegenden verstritten und haben sich für dieses Foto zum ersten mal seit Jahren wieder getroffen, eher widerwillig. "Ich mach aber nur mit, wenn ich total angepisst gucken darf", hat die linke Blueslegende dann gesagt, die mir sympathischer ist, weil sie nicht aussieht wie Steven Spielberg. All meine Vermutungen könnte ich nun durch den Blick in ein beliebtes Internetlexikon überprüfen, aber wozu? Bin ich es etwa schuld, dass ich ungeboren war, als "Steely Dan" auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen, und deswegen nichts über sie weiß? Oder dass sie nie so erfolgreich waren, dass ich sie trotzdem kennen würde, wie z.B. Walt Disney oder Rocko Granata? Wohl kaum. Und alles kommuniziert die Bahnunterführung leider doch nicht.
Mitten in St. Pauli, auf dem Kiez, zwischen aufreizenden Schaufensterauslagen und schmierigen Türstehern, die einem Flanierenden "Muschis" schmackhaft machen wollen und nach einem Abwinken des Angesprochenen etwas barsch "Magst du etwa keine Mädchen? Ich kann dir auch zwei schwule Kellner anbieten!" rufen, auf dem dreckigen Bürgersteig unter blinkenden Schriftzügen, die Prostituierten an der Häuserwand im Rücken und die Große Freiheit vorne rechts, finde ich eine Geburtstagskarte, deren Aufdruck alles andere als St.Pauli ist. Sie ist so gar nicht kiezig, nein, viel eher kitschig, und ich hoffe für Yvonne, dass ihr Lieber sie nicht mit Absicht hat fallenlassen. Ob Absicht oder nicht, für mich ist es ein Glücksfall, denn die Freikarte für den "Passion Club Reeperbahn" oder den "Peggy Sue"-Flyer hat an diesem Abend wohl jeder hier bekommen, die Karte aus der Grafikwerkstatt Bielefeld (Foto: Reinhard Becker) aber bekamen nur Yvonnes Lieber - und ich.
Wo man ohne Blumen hinwolle, fragt die Anzeige in der Straßenbahn und man antwortet: Ohne Blumen will man nach Hause ins Bett und in sein Kopfkissen weinen, ohne Blumen will man zu seiner Ex-Frau und ohne Blumen will man zum Allergikerkongress, ohne Blumen will man in den Blumenladen, Blumen kaufen, oder in Nachbars Garten, Blumen klauen, ohne Blumen will man zum Begräbnis, wo statt Blumen um eine Spende gebeten wurde oder zum Begräbnis, wo nicht statt Blumen um eine Spende gebeten wurde, aber man trotzdem keine mitbringt, weil man den Verstorbenen eigentlich gar nicht mochte, ohne Blumen will man zur Sonne, zur Freiheit, ohne Blumen will man zur Darmkrebsvorsorge, das heißt, da will man ja eigentlich gar nicht hin, aber mit Blumen erst recht nicht. Es gibt so viele Orte, wo man ohne Blumen hingehen könnte. Aber gut, dass mal jemand nachgefragt hat.
Der Verfasser oder der Empfänger (der möglicherweise nicht empfangen hat) melde sich bitte.
Wer das zweite Wort in der Klammer entziffern kann, melde sich bitte auch.
23.10.: Nadja beim Poetry Slam in der Exerzierhalle, Oldenburg. 29.-31.10.: Lars und Nadja fahren als Koblenzer Slammaster zum Slam 2009 nach Düsseldorf und hängen da rum. Am Samstag muss Nadja kurz mit rumhängen aufhören und das U20-Finale im Schauspielhaus moderieren. 03.11.: Die November-Ausgabe der Kanapee-Poeten im Café Lübke, Trier. Diesmal als Kanapee-Gast: der unglaubliche Frank Klötgen aus Berlin!