Mit ohne Bedeutung
Liest man ein fremdsprachiges Buch, zum Beispiel in unser aller Schulsprache Englisch, fehlen einem immer wieder ein paar Vokabeln, immer wieder spuken ein paar Worte ohne genaue Bedeutung kurz an unserem Auge vorbei. Doch man ignoriert sie geflissentlich, denn irgendwie versteht man ja doch, was gemeint ist. Das ist was zu Essen, das ist eine gute Emotion, das ist eine schlechte Emotion, das ist ein Gegenstand, den man bei handwerklichen Arbeiten benutzt. Doch manchmal, da gibt es so Momente, an denen man sich wünscht, man hätte in der Tasche, die man im Zug auf dem Schoß hält, nicht nur einen Haustürschlüssel, ein Portemonnaie und einen Haufen Müll, sondern auch Langenscheidts Wörterbuch, Oxfords „Advanced Learner’s“ oder zumindest ein Handy mit einer Servicenummer der Internetseite leo.org. Denn manchmal, da braucht in der Geschichte, die man gerade liest, jemand „rivets“. Der gute Mann, der baut und hämmert und schraubt an einem Boot herum, aber die „rivets“ fehlen ihm. Na gut, denkt man da, „rivet“, das ist ein Gegenstand, den man bei handwerklichen Arbeiten benutzt, vor allem, wenn man an einem Boot handwerkt. Und frohgemut liest man weiter. Doch der Autor macht die „rivets“ plötzlich zum Superwort. Der Protagonist denkt daran, redet davon, fragt danach, drei quälend lange Seiten. Er bringt einen dazu, unbedingt wissen zu wollen, was denn bitte „rivets“ sind, obwohl sie für die Handlung unerheblich sind, wichtig ist nur, das ihm was fehlt, um das Boot zu reparieren, ach was, nicht mal das ist wichtig, es geht in der Geschichte doch um ganz etwas anderes! Aber man kann sie nicht mehr weiterlesen, die ganze Sache steht und fällt mit den geheimnisvollen „rivets“, sie fehlen einem mehr als sie dem handwerkenden jungen Mann fehlen, der schöne starke Rumpf des Buches fällt einem ohne sie auseinander. Und dann liest man später, daheim bei Langenscheidts, dass es „Nieten“ sind und weiß auch ganz genau warum.
nadjaschlueter - Semiotik für Fortgeschrittene - 10. Sep, 23:40

