Hier kann man die anderen Nominierten für den Quirinus-Kuhlmann-Preis für versehentlich komische Literatur sehen und auch abstimmen, wer den Preis bekommen soll.
Eben wurde mir im Geschäftszimmer des Institus für Deutsche Sprache und Literatur I vorgeworfen, ich würde "beeindruckend langsam" kopieren. Und das nur weil ich nach jedem Umblättern die Abdeckung ordnungsgemäß wieder geschlossen habe! Doch sollte ich vielleicht dankbar sein, da mich eine solche Erweiterung des Beeindruckungsbegriffs insgesamt zu einer recht beeindruckenden Person macht. Ich kann mir nämlich beispielsweise auch beeindruckend schlecht Namen merken, beeindruckend unaufmerksam zuhören, beeindruckend wenig Disziplin an den Tag legen und bin, selbstverständlich, beeindruckend schlecht im Bett. "I'm impressed!" sagen anglophile Menschen daher oft, wenn sie mich sehen, woraufhin ich, Ryan-Phillippe-Fan der ersten Stunde, natürlich antworte: "Well, I'm in love."
Die Realität ist bekanntlicherweise eine Blinde, die uns und unsere Vorstellungen und Phantasien auf einem klapprigen Moped mit 180 Sachen rechts auf der Atuobahn überholt. Da sitzt man zum Beispiel nichts ahnend montagsnachts in der Straßenbahn und spricht über den Stauffenberg-Film mit Tom Cruise. Weil dann im Straßebahnfernsehen was über Flocke, das niedliche Nürnberger Eisbärbaby kommt, lässt man die Muskeln der Vorstellungskraft spielen: Wäre es für Tom Cruise nicht angemessen nach Graf Stauffenberg die beiden anderen großen deutschen Mythen, die Nationalheiligen Knut und Flocke zu mimen? Oder noch besser: Tom Cruise im Kostüm des namenlosen Eisbärenbabys, das von seiner Mutter verschlungen wurde, und kurz bevor das Muttertier zubeißt, reißt Cruise die tapsige Eisbärepfote in die Höhe und ruft: "Es lebe das heilige Deutschland!" Und happs, schmatzschmatz, weg ist er.
Aber da hatten wir die Straßenbahnrechnung ohne die alte Tante Realität gemacht, die schon längst an uns vorbeigerauscht war. Nicht ganz, was wir uns gedacht hatten. Aber für eine Blinde nicht schlecht gezielt!
Da laufen sie über den Bildschirm, die kleinen roten Stuttgartmännchen, immer dem Ball hinterher und sie können einem schön leid tun, wie sie so im größten Stadion Europas gegen die beste Mannschaft der Welt spielen müssen, mit der albernen Werbung eines regionalen Energieversorgers auf dem Trikot, während die anderen, die den Ball nur so zirkulieren lassen, immer zirkulieren lassen, um die kleinen roten Stuttgartmännchen herum, während die Geld dafür GESPENDET haben, dass sie das Logo der Unicef auf ihrer Brust tragen dürfen. Da denkt man doch, solch Mitleid, das ist der Stoff, aus dem die Geschichten gestrickt werden.
Aber dann fällt einem wieder ein, dass bei der besten Mannschaft der Welt ja ein Spieler aus Island spielt, also aus einem Land, dessen Nationalmannschaft selbst gegen Liechtenstein drei zu null verliert, und dass dieser Spieler nicht nur der wohl einzige ist, der jemals in einem Länderspiel für seinen Vater eingewechselt wurde, sondern dass er auch noch auf den schönen isländischen Namen Eidur Smari Gudjohnsen hört, wobei die "d"s eigentlich Sonderzeichen sind, die eine bescheidene, unisländische Tastatur gar nicht kann. Und dann denkt man, dass das der Stoff ist, aus dem die Geschichten gestrickt werden.
Eben stand im Real an der Kasse neben mir Linus Volkmann mit seiner Freundin, Frau oder vielleicht auch Schwester. Jetzt frage ich mich die ganze Zeit, ob Linus Volkmann wohl Payback-Punkte sammelt, und wenn ja, für welche Prämie er sie eintauscht. Für den WMF Schnellkochtopf Perfect 4,5 l (4000 Punkte + 59,99 €)? Oder für Rosenthal Pastateller, 4-tlg. (stivolles, zeitloses Desing, 2499 Punkte)? Oder gar für die Hutschenreuter Weihnachtsglocke 2007 (hochwertige Porzellansammlerglocke, 1499 Punkte)?
Traurig muss es für Peter Handke sein, dass ihm der Düsseldorfer Stadtrat wegen eines Beerdigungsbesuches den Heine-Preis 2006 wieder aberkannte. Geradezu erniedrigend dürfte es allerdings auf ihn wirken, dass von den 50.000 Euro Preisgeld, die dadurch gespart wurden, ein Einkaufszentrum gebaut werden soll. "Och nee!" hat er da sicher gedacht und sich vorgenommen, fortan den Beerdigungen serbischer Präsidenten fernzubleiben.
Viel lieber als Peter Handke und den Düsseldorfer Stadtrat mag ich ein anderes zufällig sich so ergebendes Duo, nämlich Ulrich Wickert, den ich in meinem Kopf gerne noch "...und eine geruhsame Nacht" sagen lasse, bevor ich hinwegdämmere, und das SZ-Magazin, welches ich mir gerne zum Lesen vornehme, um mich vor anderen Dingen zu drücken. Und jenes Magazin schrieb über jenen Tagesthemensprecher a.D.: "Wickert hingegen pflegte das Bild eines französischen Grandseigneurs der Narichtenbranche, der selbst bei ernster Weltlage noch ein gutes Glas Rotwein und die Gegenwart einer charmanten Dame zu schätzen weiß." Schön ist das und ich wünsche mir, charmant zu sein und mit dem SZ-Magazin im Arm in einem großen, mit Samtkissen ausgelegten Ohrensessel hinwegzudämmern, während Uli Wickert seine Abmoderation immer und immer wieder über sein Rotweinglas hinweg in Richtung meines Platzes spricht.
Zum Schluss bespreche ich noch Guido Knopp, den Mann, der, wie Lars gerne sagt, ohne die Nazis keinen Job hätte. Und den bespreche ich nicht im Duo, denn er ist sicher einsam. Ich habe nämlich gehört, dass er echt unsympathisch sein soll. Mehr gibt es da nicht zu besprechen.
Meine Prominentenbesprechung soll ganz kurz sein, kurz und voller Liebe.
In der Vorlesung sprach der Professor von Zivilisation und erwähnte dabei den Soziologen Norbert Elias, der 1935 ins Exil ging. Für lange. Und eben dieser Herr Elias hat, wenn ich den Worten meines Professors Glauben schenken darf, in der ersten Vorlesung nach seiner Rückkehr viel gesagt, viel, was so zu einer gescheiten Vorlesung gehört, und ergänzte zu einem Detail: "..., wie ich letzte Stunde schon erwähnt habe." In der Stunde, bevor er für lange ging.
Ich weiß nicht, wann das war und wo und ob das überhaupt stimmt und ob ich eigentlich richtig zugehört habe in der Vorlesung, aber das ist mir egal, jetzt ist es schon zu spät, egal, was Herr Elias zwischen 1897 und 1990 alles gesagt haben mag, ich habe mich in jedem Falle in seine Worte verliebt.
Es gibt jede Menge, für das wir Daniel Kehlmann zu danken haben. Ganz vorne mit dabei ist sicher sein hier abgebildetes Autorenportrait. Wo andere langweilig an Brillen kauen, rumgrübeln und der Zukunft entgegenschauen, da - ja, was macht er da eigentlich genau, außer ein bisschen wie einer meiner Dozenten aussehen?
Vielleicht will er uns sagen, dass er ein stiller Beifahrer der Weltgeschichte ist, so einer, der nur am Radio rumdreht und hin und wieder sagt, "Achtung, das Reh" und dass man eben gerade links gemusst hätte, und dass, wenn die Weltgeschichte mal anhält, um am Kiosk Kippen zu kaufen, er die Tür aufmacht, frische Luft schnappt und sich umsieht, wen sie unterwegs so alles plattgefahren hat.
Vielleicht will er uns aber auch etwas ganz anderes sagen, denn wie schrieb er doch so gut: "Dort, sagte Humboldt und zeigte mit Entschiedenheit irgendwohin."
18.11.: Der Koblenzer Reimstein im Circus Maximus, u.a. mit Anke Fuchs, Florian Cieslik und Andy Strauß. Lars und Nadja moderieren. 19.-22.11.: SLAM 2008 - Die deutschsprachigen Poetry Slam-Meisterschaften in Zürich. Lars kommt hoffentlich doch noch mit und Nadja tritt für Wiesbaden an.