Mein Auge zuckt seit ein paar Tagen. Man kann das Zucken nicht sehen, aber ich spüre es. Es ist die Nervösität, die Angst, das Fieber und der wenige Schlaf. Das Zucken kommt und geht, ich kann es nicht kontrollieren. Es zuckt vor sich hin, vollkommen sinnlos, ohne Zweck, einfach so. Ich würde das Zucken gerne brauchbar machen, ihm etwas abgewinnen, seine Energie nutzen. Ich kann es nicht ertragen, dass es einfach so dahingeht, ohne für etwas da zu sein. Es hat keine Funktion, keinen Auftrag, es zuckt einfach. Wieviele Kraftwerke könnte man abschalten, wenn man nur das Zucken in den Augen der Leute zu Strom machen würde? Unsere Klimaanlagen würde laufen, unser Licht würde brennen, die Straßenbahnen würden fahren, weil die Leute mit den Augen zucken. Weil ich mit dem Auge zucke. Weil mein Auge zuckt. Schon tagelang. Die Bewegungsenergie von Tagen, unsinnig verbraucht, ins Nichts abgelassen, der zerstreuten Wärme des Universums zugeführt. Eine Verschwendung, bei jedem Zucken, ich verschwende, nur weil ich nicht schlafe, weil ich fiebere, weil ich mich ängstige, weil ich nervös bin. Mein Körper soll kein Tempel der Verschwendung sein, mein Körper soll ein Kraftwerk werden. Jedes Zucken ein Watt, jedes Stöhnen ein Ampere! Das soll mein Schlachtruf werden. Ich weiß, man kann das Zucken nicht sehen. Aber ich spüre es.
"Was müssen Sie im Straßenverkehr sowie bei der Arbeit mit Maschinen und bei Arbeiten ohne sicheren Halt beachten", lautet die Frage in der Packungsbeilage und die Gegenfrage, die sich stellt, lautet natürlich: Arbeiten wir denn nicht immer ohne sicheren Halt?
Manchmal spuckt man Blut. Ich spucke gerade Blut. Die Ärztin benutzt noch mal das Ultraschallgerät, das gleichzeitig mit eiskaltem Wasser kühlt, damit der Zahn nicht überhitzt. Sobald sie in den hinteren Rachen kommt, sirrt es unerträglich in meinen Ohren. Dann nochmal das Strahlgebläse. Das sei im Prinzip das gleiche wie das, womit man die Felgen vom Golf reinige, hat sie gesagt. Sie benutzt gerne Metaphern. Harte Salzkristalle prassen ab und zu auf meine Zunge ein, wenn sie daneben zielt. Dann geht sie mit ihren blitzenden, scharfen Instrument zwischen die Zähne. Ich versuche zuerst, mich zu entspannen und den Schmerz zu fixieren, dann mich zu verkrampfen und den Schmerz zu fixieren und dann an etwas anderes zu denken und den Schmerz zu ignorieren. Das kommt mir aber feige vor, deswegen versuche ich es wieder mit dem Entspannen. Ich schaffe es nicht den Schmerz zu fixieren und zuzulassen, nicht mal wenn ich mir im Kopf sage, der Schermz sei mein Freund oder dass er zu mir gehöre. Er ist zu unregelmäßig, willkürlich. Er hört auf und beginnt an einer anderen Stelle erneut, man weiß nie, wo das spitze Ding zusticht. Ich wünsche mir, die Ärztin würde mir ohne Unterbrechung wehtun, an der gleichen Stelle, damit kann ich umgehen. Vor mir liegt die blutverschmierte Zahnseide. Auch damit kann ich umgehen. Aber nicht mit dieser Unregelmäßigkeit. Unregelmäßig wie Handwerker, die morgens bohren. Und aufhören zu bohren. Und wieder anfangen zu bohren, für eine Sekunde aufhören und weiterbohren. Unregelmäßig wie Wasser, das mir auf die Stirn tropft.
Wodka Redbull, Fontane, Muskelkater: Ich bin Fan von vielen Dingen. Muskelkater ist vielleicht der beste Schmerz der Welt, denn er ist durchaus erträglich und man kann sicher sein, dass er wieder weggehen wird (er ist ja noch immer wieder weggegangen). Ich weiß leider nicht, wie der Muskelkater entsteht. Früher sagte man, ein Überschuss an Milchsäure liege ihm zugrunde, was mir immer Anlass war, mich an den Androiden Bishop aus "Aliens - Die Rückkehr" zu erinnern, bei dessen Zerstörung große Mengen einer milchigweißen Substanz aus seinem Leib flossen. Gewiss ein Überschuss an Milchsäure.
Mittlerweile ist die Milchsäurethese wahrscheinlich widerlegt, trotzdem bleibt der Muskelkater das schönste C-Faser-förmige Andenken an Anstengung, das man sich vorstellen kann. Tennismatch, Sex, Playstationmarathon: eine leichte Lädiertheit ist das Prinzessinnenkrönchen auf jeder großen Tat, denn Helden hinken nach Hause oder sie haben Muskelkater (so wie Bishop, nachdem er Sigourney Weaver vom alienverseuchten Kolonieplaneten gerettet hat).
Durch Muskelkater hat man sogar die Möglichkeit, sein Heldengehabe angemessen zu verlängern, denn man kann während der Katerzeit all seinen Bewegungen eine schrecklich prätentiöse Anstrengung verleihen, als schleife man sich mit letzter Kraft zu dem Knopf mit der Aufschrift "Atombombenzerstörung der Welt abbrechen" oder sei ein querschnittsgelähmter Doppelgänger, der gerade eine Wendeltreppe nur mit der Kraft seiner Arme hinaufrobbe. Sich ein Glas Fruchtsaft einzugießen, macht nie so viel Spaß wie in der Muskelkaterzeit. Denn ich bin Fan von viele Dingen: Muskelkater, Fontane, Wodka Redbull.
23.10.: Nadja beim Poetry Slam in der Exerzierhalle, Oldenburg. 29.-31.10.: Lars und Nadja fahren als Koblenzer Slammaster zum Slam 2009 nach Düsseldorf und hängen da rum. Am Samstag muss Nadja kurz mit rumhängen aufhören und das U20-Finale im Schauspielhaus moderieren. 03.11.: Die November-Ausgabe der Kanapee-Poeten im Café Lübke, Trier. Diesmal als Kanapee-Gast: der unglaubliche Frank Klötgen aus Berlin!