Ein inhaltlich wie stilistisch unsympathischer Text darüber, warum Daniel Kehlmann die Postmoderne nicht versteht*
Jetzt, wo eh schon keiner mehr davon spricht, ist es endlich an der Zeit, dass auch ich meine zwei Cent zu "Ruhm" loswerde, denn jetzt, wo keiner mehr davon spricht, kann erst gar nicht der Eindruck entstehen, ich würde denken, es interessiere jemandem, was irgendwer zu dem Buch von irgendjemand anderem sagt. Dennoch: Daniel Kehlmann versteht die Postmoderne nicht, ja, so ist es, und daran gibt es auch nichts zu rütteln, denn es handelt sich dabei keineswegs um einen Rüttelautomat, sondern um eine Tatsache.
In einem Kapitel aus "Ruhm" tritt der erfolgreiche und schlaue, aber auch hypernervöse und anstrengende Schriftsteller Soundso auf, der vor allem seiner neuen Freundin schwerstens auf die Nerven geht. Seine Freundin arbeitet nämlich bei "Médecins sans frontières" und während Soundso sich furchtbar über die immer gleich doofen Heinis aufregt, die ihn nach seinen Vorträgen entweder erzählen, auf der Strecke von wo nach wo sie sein Buch im Zug gelesen hat, oder ihn fragen, wie er auf seine Ideen kommt und wann er am liebsten schreibt ("In der Badewanne!!!!!!! Nachmittags!!!!!!!!!!!"), währenddessen also bekommt die Freundin die Mitteilung, dass ihre Mitarbeiter in irgendeinem afrikanischen Land mit schlimmen Bürgerkriegen entführt wurden. Kehlmann schreibt dann noch dies und das und schnell ist klar, an welcher Landkarte er da strickt, obwohl man Landkarten natürlich gar nicht stricken kann, weil sie keine Topflappen oder Handytäschchen sind: Postmoderne und billige Problemchen gibt es hier, Médecins sans frontières woanders. Und wenn das so klar getrennt ist, dann ist es auch klar, dass das erste gegenüber dem Zweiten ziemlich schlecht dasteht.
Das stimmt aber gar nicht. Postmoderne geht so gar nicht. Postmoderne ist keine empirisch infragezustellende Position. Ihre Genese ist zwar durch die marteriellen Umstände bedingt, das ist aber so trivial wie schnarch: Wer den unfruchtbaren Acker bestellen muss, damit er morgen noch was zu essen hat, hat natürlich keine Zeit, Romane darüber zu schreiben, wie Romane geschrieben werden. Die Geltung der Postmoderne, als Position einmal entwickelt, bleibt davon aber jungfräulich unberührt und tanzt einem weiter auf der Nase herum. Dass in Afrika die Kinder sterben, kann kein Gegenargument sein, denn, das ist ja gerade der Kern alles Postmodernen, würde man stattdessen über die sterbenden Kinder schreiben, müsste man sich eingestehen, dass man nichts mehr zu schreiben hat, wenn alle Kinder gestorben sind und die Menschen fortan in ewigem Glück und notfreiem Beieinander herumtollen.
Soundso ist auf den erschreckenden Grund aller Probleme getaucht, nämlich dass Probleme dafür da sind, dass man etwas hat, womit man sich beschäftigen kann, und einmal an diesem düsteren Grund angelangt, sind einem die Probleme alle in ungefähr gleich schnurz oder unschnurz, zumindest wenn man über sie nachdenkt, was man also tunlichst vermeiden sollte. Das ist natürlich immer noch recht eklig und aus der Sicht von Soundsos Freundin unverständlich bis verdammenswert, aber wenn man etwas über Postmoderne erzählen will, dann muss man auch das erzählen. Um sich danach dann nicht ganz so viel zu schämen, kann man ja den Betrag, den man gerade durch Cola- und Taxifasten einspart, Ostersonntag an Médecins sans frontières überweisen.
*Also warum er sie nicht versteht, weiß ich natürlich nicht, vielleicht hat sie ihm nie jemand erklärt - das ist eher so ein "Warum" das eigentlich "Inwiefern" heißt. Gibt es da einen sprachwissenschaftlichen Namen für?
In einem Kapitel aus "Ruhm" tritt der erfolgreiche und schlaue, aber auch hypernervöse und anstrengende Schriftsteller Soundso auf, der vor allem seiner neuen Freundin schwerstens auf die Nerven geht. Seine Freundin arbeitet nämlich bei "Médecins sans frontières" und während Soundso sich furchtbar über die immer gleich doofen Heinis aufregt, die ihn nach seinen Vorträgen entweder erzählen, auf der Strecke von wo nach wo sie sein Buch im Zug gelesen hat, oder ihn fragen, wie er auf seine Ideen kommt und wann er am liebsten schreibt ("In der Badewanne!!!!!!! Nachmittags!!!!!!!!!!!"), währenddessen also bekommt die Freundin die Mitteilung, dass ihre Mitarbeiter in irgendeinem afrikanischen Land mit schlimmen Bürgerkriegen entführt wurden. Kehlmann schreibt dann noch dies und das und schnell ist klar, an welcher Landkarte er da strickt, obwohl man Landkarten natürlich gar nicht stricken kann, weil sie keine Topflappen oder Handytäschchen sind: Postmoderne und billige Problemchen gibt es hier, Médecins sans frontières woanders. Und wenn das so klar getrennt ist, dann ist es auch klar, dass das erste gegenüber dem Zweiten ziemlich schlecht dasteht.
Das stimmt aber gar nicht. Postmoderne geht so gar nicht. Postmoderne ist keine empirisch infragezustellende Position. Ihre Genese ist zwar durch die marteriellen Umstände bedingt, das ist aber so trivial wie schnarch: Wer den unfruchtbaren Acker bestellen muss, damit er morgen noch was zu essen hat, hat natürlich keine Zeit, Romane darüber zu schreiben, wie Romane geschrieben werden. Die Geltung der Postmoderne, als Position einmal entwickelt, bleibt davon aber jungfräulich unberührt und tanzt einem weiter auf der Nase herum. Dass in Afrika die Kinder sterben, kann kein Gegenargument sein, denn, das ist ja gerade der Kern alles Postmodernen, würde man stattdessen über die sterbenden Kinder schreiben, müsste man sich eingestehen, dass man nichts mehr zu schreiben hat, wenn alle Kinder gestorben sind und die Menschen fortan in ewigem Glück und notfreiem Beieinander herumtollen.
Soundso ist auf den erschreckenden Grund aller Probleme getaucht, nämlich dass Probleme dafür da sind, dass man etwas hat, womit man sich beschäftigen kann, und einmal an diesem düsteren Grund angelangt, sind einem die Probleme alle in ungefähr gleich schnurz oder unschnurz, zumindest wenn man über sie nachdenkt, was man also tunlichst vermeiden sollte. Das ist natürlich immer noch recht eklig und aus der Sicht von Soundsos Freundin unverständlich bis verdammenswert, aber wenn man etwas über Postmoderne erzählen will, dann muss man auch das erzählen. Um sich danach dann nicht ganz so viel zu schämen, kann man ja den Betrag, den man gerade durch Cola- und Taxifasten einspart, Ostersonntag an Médecins sans frontières überweisen.
*Also warum er sie nicht versteht, weiß ich natürlich nicht, vielleicht hat sie ihm nie jemand erklärt - das ist eher so ein "Warum" das eigentlich "Inwiefern" heißt. Gibt es da einen sprachwissenschaftlichen Namen für?
larsweisbrod - Gegendarstellungen - 5. Mrz, 13:13
