Übertrag
Seit ich denken kann oder zumindest seit ich vernünftig denken kann, übertrage ich gegen Jahresende Geburtstage in einen neuen Kalender, nachdem ich ihn ausführlich inspiziert habe (sixpercentrecall.de berichtete). Dabei gerät man immer wieder in die Situation, in der man sich sagen muss: „Mit dem/der hast du nichts mehr zu tun, du weißt nicht mal mehr genau, wie er/sie aussieht, was er/sie gerade macht und würdest seine/ihre Nummer in deinem Handytelefonbuch, falls du sie noch nicht gelöscht hast, niemals anrufen, weil du erstens ja mit ihm/ihr gar nichts zu bereden weißt und zweitens ziemlich sicher bist, dass er/sie mittlerweile eine andere Nummer hat, und selbst wenn du ihn/sie jetzt träfest, ginge ein mögliches Gespräch über ein ‚Hallo’ nicht hinaus und damit ganz sicher nicht bis zu ‚Stimmt deine Nummer noch?’ oder gar ‚Hattest du nicht neulich Geburtstag?’". Und hat man sich all das gesagt, überblättert man das Geburtsdatum dieser Person getrost im neuen Kalender und die Seite bleibt vorerst leer, bis sich Zahnarzttermine oder Erinnerungshilfen wie „kopieren!!!“ hineindrängen.
Zum Glück schmilzt aber die Anzahl der Menschen, denen man gratulieren möchte, mit den Jahren nicht auf den Nullpunkt zusammen, denn in den meisten Jahren kommen neue Leute dazu, was man daran erkennt, dass sie mit einem anderen als dem Stift, den man letzten Dezember noch hatte, aber spätestens im Januar verloren hat, in den Kalender aufgenommen wurden, und bei diesen denkt man gern: „Ach, dessen/deren Buch/DVD/50 Euro hab ich noch, sollte ich ihm/ihr morgen oder übermorgen oder überübermorgen mal zurück geben, zumindest noch vor dem Zeitpunkt, an dem ich seinen/ihren Geburtstag nicht mehr in meinen neuen Kalender übertrage.“
Bemerkenswert sind die Menschen, die man, seit man vernünftig denken kann, jährlich wieder überträgt, vor allem jene, die nicht zur Familie gehören, denn Familienmitglieder haben ja ohnehin ein lebenslängliches Abo auf Kalenderpräsenz, außer sie zahlen über allzu lange Zeit ihren Abo-Beitrag (Freundlichkeit, Liebe, hier und da eine Tafel Schokolade) nicht. Noch bemerkenswerter sind aber jene Menschen, die man jährlich wieder überträgt, obwohl man sie seit langem nicht gesehen hat und nicht mehr weiß, ob ihre Nummer im Handytelefonbuch, die man ganz sicher nicht gelöscht hast, noch stimmt. Aber das sind eben auch die Menschen, bei denen ein Gespräch, träfe man sie wieder, sofort in Gang und Laufschritt käme und bei dem innerhalb weniger Minuten schon ein, um Max Goldt zu bemühen, „Do-not-disturb“-Schild an der Türklinke hinge.
So sitze ich jährlich da, teile in die fünf Kategorien (1. Familien-Abo, 2. bemerkenswertes Abo, 3. noch bemerkenswerteres Abo, 4. neu, 5. raus) ein, übertrage und übertrage nicht und frage mich still und leise, aus wessen Kalender ich in diesem Jahr verschwinde und in wessen Kalender ich in diesem Jahr erstmalig übertragen werde und wer mich schon seit Jahren mit ins neue Jahr nimmt, obwohl mein Gesicht in der Erinnerung schon blässlich geworden ist, und dann kommt Lars und sagt, dass kein Mensch mehr irgendwelche Geburtstage irgendwohin überträgt, weil es doch jetzt Facebook und StudiVZ gibt. Das macht mich traurig und beim Übertragen bin ich jetzt schon bis Oktober vorgedrungen und habe Angst, dass das in der Wirklichkeit genauso schnell geht, weil ich nicht weiß, was im Oktober sein wird, außer dem ein oder anderen Geburtstag.
Zum Glück schmilzt aber die Anzahl der Menschen, denen man gratulieren möchte, mit den Jahren nicht auf den Nullpunkt zusammen, denn in den meisten Jahren kommen neue Leute dazu, was man daran erkennt, dass sie mit einem anderen als dem Stift, den man letzten Dezember noch hatte, aber spätestens im Januar verloren hat, in den Kalender aufgenommen wurden, und bei diesen denkt man gern: „Ach, dessen/deren Buch/DVD/50 Euro hab ich noch, sollte ich ihm/ihr morgen oder übermorgen oder überübermorgen mal zurück geben, zumindest noch vor dem Zeitpunkt, an dem ich seinen/ihren Geburtstag nicht mehr in meinen neuen Kalender übertrage.“
Bemerkenswert sind die Menschen, die man, seit man vernünftig denken kann, jährlich wieder überträgt, vor allem jene, die nicht zur Familie gehören, denn Familienmitglieder haben ja ohnehin ein lebenslängliches Abo auf Kalenderpräsenz, außer sie zahlen über allzu lange Zeit ihren Abo-Beitrag (Freundlichkeit, Liebe, hier und da eine Tafel Schokolade) nicht. Noch bemerkenswerter sind aber jene Menschen, die man jährlich wieder überträgt, obwohl man sie seit langem nicht gesehen hat und nicht mehr weiß, ob ihre Nummer im Handytelefonbuch, die man ganz sicher nicht gelöscht hast, noch stimmt. Aber das sind eben auch die Menschen, bei denen ein Gespräch, träfe man sie wieder, sofort in Gang und Laufschritt käme und bei dem innerhalb weniger Minuten schon ein, um Max Goldt zu bemühen, „Do-not-disturb“-Schild an der Türklinke hinge.
So sitze ich jährlich da, teile in die fünf Kategorien (1. Familien-Abo, 2. bemerkenswertes Abo, 3. noch bemerkenswerteres Abo, 4. neu, 5. raus) ein, übertrage und übertrage nicht und frage mich still und leise, aus wessen Kalender ich in diesem Jahr verschwinde und in wessen Kalender ich in diesem Jahr erstmalig übertragen werde und wer mich schon seit Jahren mit ins neue Jahr nimmt, obwohl mein Gesicht in der Erinnerung schon blässlich geworden ist, und dann kommt Lars und sagt, dass kein Mensch mehr irgendwelche Geburtstage irgendwohin überträgt, weil es doch jetzt Facebook und StudiVZ gibt. Das macht mich traurig und beim Übertragen bin ich jetzt schon bis Oktober vorgedrungen und habe Angst, dass das in der Wirklichkeit genauso schnell geht, weil ich nicht weiß, was im Oktober sein wird, außer dem ein oder anderen Geburtstag.
nadjaschlueter - Gesten - 13. Dez, 14:35

Und es scheint wahr, was du schreibst. Auch wenn ich es nicht so ganz beurteilen kann, obwohl ich einen Kalender besitze. In Bezug auf Geburtstage gehöre ich wohl zu den modernen Menschen, die glücklich sind in Zeiten von StudiVZ und Facebook zu leben.