Die Ungenauen
Das Interesse der Leser dieses Weblogs scheint sich um die Themen Kühlschrank und Nadja Schlüter herum zu gruppieren, so legt es zumindest die Anzahl der Kommentare beziehungsweise die Häufigkeit der Google-Suchanfragen nahe. Als aufstrebendem jungen Weblogger muss mir das natürlich "schnurzpieps" sein und als jemandem, dem von Abiturientinnen vorgeworfen wird, er spreche wie Christian Kracht, erst recht. Darum nun nichts zu den beliebten Themen Kühlschrank und Nadja Schlüter, sondern ein weiterer Blick ins mindestens genauso beliebte Feuilleton der Süddeutschen Zeitung: Hier antwortet der Schriftsteller Georg M. Oswald heute dem Kritiker Helmut Böttiger, der an gleicher Stelle vor ein paar Tagen die Tendenzen der aktuellen deutschen Literatur beschrieb. Und zwar auf so pointierte Art, dass ihm dafür das Prädikat "ziemlich lustig" verliehen wurde, wenn auch, in Ermangelung eines Besseren, nur von mir.
Dass Oswald als einer der Schriftsteller, die dabei nicht so gut wegkamen, nun versucht, die Ansichten Böttingers zu korrigieren - das ist "totally okay", wie englischsprachige Menschen zu sagen pflegen, wenn der Friseur ihnen den Hinterkopf im Spiegel präsentiert. Dass die Süddeutsche Zeitung mit einer kursiven Einleitung Böttigers Text nocheinmal kurz zusammenfasst und behauptet, damit sei irgendeine Debatte um die Modernität in der Literatur neu angestoßen worden - das kann man für weniger schönen Stil halten, muss man aber nicht. Dass aber Oswald seine schlauen und sicher richtigen Ausführungen mit folgenden Worten beginnt, ist eine wirklich seltsame Unsitte, die sich leider öfter beobachten lässt:
"Jedes Frühjahr, jeden Herbst besteht eine der selbstgestellten Aufgaben des Literaturbetriebs darin, Strömungen zu beobachten, Entwicklungen zu sondieren, Tendenzen festzuhalten. Als Autor wundert man sich, mit wem man da in Verbindung und gegen wen in Stellung gebracht wird, und erkennt bald: Was nicht passt, wird passend gemacht. Zuerst muss ein 'Trend' eher."
In einem feuilletonistischen Artikel anderen Feuilletonisten Pauschalisierung und Übertreibung vorzuwerfen, ist ungefähr genauso sinnvoll, wie auf einen Fußballplatz zu gehen und die Spieler anzuschreien, warum sie denn zu dumm seien, den Ball einfach mit den Händen ins Tor zu tragen. Menschen, die sich für genaues Denken interessieren, schätzen ungenaues Denken meist trotzdem, weil sie wissen, welchen großen Wert es hat (und welch kleinen manchmal Genauigkeit). Was sie aber nicht tolerieren, ja gar verachten sollten: Wenn Ungenaue (und das sind Schriftsteller von Berufs wegen) mit dem Argument der fehlenden Genauigkeit auf ihre Artgenossen losgehen. Das mutet stets so an, um eine weitere gewagte Übertragung ins Spiel zu bringen, als verbiete die Mutter der Tochter den Mini-Rock, aber nicht weil er ihren moralischen Ansprüchen zu kurz ist, sondern weil man das dieses Jahr so doch gar nicht mehr trage.
Um den Bogen zurück zum Anfang zu schlagen, könnte ich nun den Kracht'schen Sprachgebrauch nutzen und jemandem unterstellen, er sehe aus wie ein Penis. Aber wem? Georg M. Oswald? Helmut Böttiger? Der Mutter? Oder gar der Tochter in ihrem kurzen Rock? Niemandem, beschließe ich, denn vermutlich sieht keiner dieser Personen aus wie ein Penis. So viel Genauigkeit muss sein, am Ende.
Dass Oswald als einer der Schriftsteller, die dabei nicht so gut wegkamen, nun versucht, die Ansichten Böttingers zu korrigieren - das ist "totally okay", wie englischsprachige Menschen zu sagen pflegen, wenn der Friseur ihnen den Hinterkopf im Spiegel präsentiert. Dass die Süddeutsche Zeitung mit einer kursiven Einleitung Böttigers Text nocheinmal kurz zusammenfasst und behauptet, damit sei irgendeine Debatte um die Modernität in der Literatur neu angestoßen worden - das kann man für weniger schönen Stil halten, muss man aber nicht. Dass aber Oswald seine schlauen und sicher richtigen Ausführungen mit folgenden Worten beginnt, ist eine wirklich seltsame Unsitte, die sich leider öfter beobachten lässt:
"Jedes Frühjahr, jeden Herbst besteht eine der selbstgestellten Aufgaben des Literaturbetriebs darin, Strömungen zu beobachten, Entwicklungen zu sondieren, Tendenzen festzuhalten. Als Autor wundert man sich, mit wem man da in Verbindung und gegen wen in Stellung gebracht wird, und erkennt bald: Was nicht passt, wird passend gemacht. Zuerst muss ein 'Trend' eher."
In einem feuilletonistischen Artikel anderen Feuilletonisten Pauschalisierung und Übertreibung vorzuwerfen, ist ungefähr genauso sinnvoll, wie auf einen Fußballplatz zu gehen und die Spieler anzuschreien, warum sie denn zu dumm seien, den Ball einfach mit den Händen ins Tor zu tragen. Menschen, die sich für genaues Denken interessieren, schätzen ungenaues Denken meist trotzdem, weil sie wissen, welchen großen Wert es hat (und welch kleinen manchmal Genauigkeit). Was sie aber nicht tolerieren, ja gar verachten sollten: Wenn Ungenaue (und das sind Schriftsteller von Berufs wegen) mit dem Argument der fehlenden Genauigkeit auf ihre Artgenossen losgehen. Das mutet stets so an, um eine weitere gewagte Übertragung ins Spiel zu bringen, als verbiete die Mutter der Tochter den Mini-Rock, aber nicht weil er ihren moralischen Ansprüchen zu kurz ist, sondern weil man das dieses Jahr so doch gar nicht mehr trage.
Um den Bogen zurück zum Anfang zu schlagen, könnte ich nun den Kracht'schen Sprachgebrauch nutzen und jemandem unterstellen, er sehe aus wie ein Penis. Aber wem? Georg M. Oswald? Helmut Böttiger? Der Mutter? Oder gar der Tochter in ihrem kurzen Rock? Niemandem, beschließe ich, denn vermutlich sieht keiner dieser Personen aus wie ein Penis. So viel Genauigkeit muss sein, am Ende.
larsweisbrod - das ganz kleine Grauen - 29. Apr, 16:04
