"Wir durchfahren gerade Weißandt-Gölzau."
In der Bahn-Lounge in Hannover mit riesiger Fensterfront, Blick auf die wuselige Innenstadt und neben einem etwa zwölfjährigen Jungen, der die Zeitschrift "Markt und Mittelstand" las, also mit allem, was das Herz begehrt, fiel mir ein, was mir fehlt.
Im ICE, da gibt es rote Leuchtschrift über den Türen, die den Fahrgast über Serviceleistungen, Uhrzeit, die nächste Haltestellte und die Geschwindigkeit des Zuges informiert und ihn kurz vorm Aussteigen sogar mit dem Satz "Haben Sie auch nichts vergessen?", umrahmt von einem Koffer und einem Regenschirm, daran erinnert, dass er noch eine Reisetasche mit Leichenteilen drin auf der Gepäckablage hat. Aber was mir fehlt, was nie auf dieser Anzeige zu lesen ist, das sind die Namen der Orte, die man durchfährt, durch die der ICE hindurchbraust und man denkt "Oh, ein Bahnhof!" und jedes Schild versucht man mit den Augen zu halten, es schon von weitem zu sehen und dann zieht man den Kopf mit, wenn man vorbeigleitet, in der Hoffnung, dass die Buchstaben irgendwie an der Netzhaut hängenbleiben. Das tun wie aber nie, es sind bloß weiße Kringel auf blauem Grund, deren Bedeutung man nicht mal erahnen kann und, erreicht man schließlich sein Ziel hat man vor lauter Augenanstrengen und Kopfmitziehen Schwindelgefühle. Doch ich will sie kennen, all die Namen dieser Orte, in denen Regionalbahnen auf zwei Gleisen halten, die mit "Richtung nächste große Stadt"-Schildern versehen sind, mit Schildern, auf denen Namen stehen, die man kennt, damit man weiß, man kommt irgendwo an, wo man schonmal was von gehört hat, wenn man sich in die Regionalbahn setzt. Aber von den Orten, deren Namen man nicht lesen kann, weil der Zug zu schnell ist, von diesen Sechtems und Klein Geraus und Neudietendorfs hört man nie. Und daher sollte der ICE uns anzeigen, welchen Ort er streift oder kreuzt, welchen Ort er liegenlässt in seiner kleinen zweigleisigen provinziellen Depression. Leuchtend rot soll es über der Tür zu lesen sein: "Wir durchfahren gerade Weißandt-Gölzau."
Jemand wird nun sagen, man könne ja auch einfach Regionalbahn fahren und überall mal anhalten und gucken. Man hat aber keine Zeit, alle Regionalbahnstrecken der Bundesrepublik abzusitzen, um einmal jeden Bahnhof gesehen und jedes Schild gelesen zu haben. Man fährt ICE, man hat es ja eilig, man muss ja schnell irgendwohin und eine Reisetasche mit Leichenteilen abliefern.
Im ICE, da gibt es rote Leuchtschrift über den Türen, die den Fahrgast über Serviceleistungen, Uhrzeit, die nächste Haltestellte und die Geschwindigkeit des Zuges informiert und ihn kurz vorm Aussteigen sogar mit dem Satz "Haben Sie auch nichts vergessen?", umrahmt von einem Koffer und einem Regenschirm, daran erinnert, dass er noch eine Reisetasche mit Leichenteilen drin auf der Gepäckablage hat. Aber was mir fehlt, was nie auf dieser Anzeige zu lesen ist, das sind die Namen der Orte, die man durchfährt, durch die der ICE hindurchbraust und man denkt "Oh, ein Bahnhof!" und jedes Schild versucht man mit den Augen zu halten, es schon von weitem zu sehen und dann zieht man den Kopf mit, wenn man vorbeigleitet, in der Hoffnung, dass die Buchstaben irgendwie an der Netzhaut hängenbleiben. Das tun wie aber nie, es sind bloß weiße Kringel auf blauem Grund, deren Bedeutung man nicht mal erahnen kann und, erreicht man schließlich sein Ziel hat man vor lauter Augenanstrengen und Kopfmitziehen Schwindelgefühle. Doch ich will sie kennen, all die Namen dieser Orte, in denen Regionalbahnen auf zwei Gleisen halten, die mit "Richtung nächste große Stadt"-Schildern versehen sind, mit Schildern, auf denen Namen stehen, die man kennt, damit man weiß, man kommt irgendwo an, wo man schonmal was von gehört hat, wenn man sich in die Regionalbahn setzt. Aber von den Orten, deren Namen man nicht lesen kann, weil der Zug zu schnell ist, von diesen Sechtems und Klein Geraus und Neudietendorfs hört man nie. Und daher sollte der ICE uns anzeigen, welchen Ort er streift oder kreuzt, welchen Ort er liegenlässt in seiner kleinen zweigleisigen provinziellen Depression. Leuchtend rot soll es über der Tür zu lesen sein: "Wir durchfahren gerade Weißandt-Gölzau."
Jemand wird nun sagen, man könne ja auch einfach Regionalbahn fahren und überall mal anhalten und gucken. Man hat aber keine Zeit, alle Regionalbahnstrecken der Bundesrepublik abzusitzen, um einmal jeden Bahnhof gesehen und jedes Schild gelesen zu haben. Man fährt ICE, man hat es ja eilig, man muss ja schnell irgendwohin und eine Reisetasche mit Leichenteilen abliefern.
nadjaschlueter - prossima fermata - 22. Apr, 14:48
