Ersatzfernbedienung
Ich könnte nun erzählen, ich sei in der Bibliothek gewesen, um dem Eindruck vorzubeugen, ich würde gar nichts mehr tun, nicht einmal mehr Weblogbeiträge schreiben, bloß schluffig im Bürostuhl hängen, minderwertiges Essen verzehren und durch das Fernsehprogramm zappen. Aber stattdessen sage ich: "Durch's Programm zappen! Ha! Schön wär's!" Durchs Programm zappen kann nämlich nur, wer eine Fernbedieunng hat oder die Geduld, jedesmal mit dem Bürostuhl zum Fernseher zu rollen und die friemeligen Knöpfchen zu drücken. Beides, Fernbedieung und Geduld, sind leider bei mir kaputt. Dabei war die Fernbedienung schon ein Ersatz für eine noch viel kaputtenere alte, auf der die Fingerdreckspuren schon einen zusammenhängenden Fingerdreckteppich gebildet hatten.
Ersatzfernbedienungen, das weiß der erfahrene Ersatzfernbedienungskäufer, müssen aber mit einem Code gefüttert werden, damit sie den richtigen Fernseher fernbedienen. Es handelt sich dabei oft um ein langwieriges wie nerviges Verfahren: Zuerst schlägt man in einem beigefügten Heft die Zahlencodes des Fernsehherstellers nach und reibt sich verwundert die Augen, wie viele Firmen im Zeitalter der Industriegeschichte schon Fernseher hergestellt haben (selbst Bosch!), dann gibt man die angegebenen Zahlencodes in einem umständlichen Verfahren ein, um schließlich zu dem Ergebnis zu kommen, dass bei den meisten die Fernbedienung gar nicht, bei manchen nur auf sonderbare Weise funktioniert: Programmtaste 1 ist plötzlich der Ausknopf, der Ausknopf ist die Stummschalttaste und alle anderen Prorgammtasten sind um drei Plätze verschoben. Im Prinzip wäre das nicht allzu tragisch, denn man gewöhnt sich ja an alles. Aber eben nur man, nicht auch die anderen. Und wie bitte soll man, wenn man selbst zu faul zum Umschalten ist, seinem Fernsehguckpartner die seltsame Syntax der neuen Fernbedienung erklären? Das versteht der doch eh wieder nicht! Am Ende läuft man also zurück in den Elektronikmarkt und kauft eine teurere Ersatzfernbedienung, die dann vielleicht funktioniert.
Aber auch nur eine Zeit lang. Denn jetzt tut sie es nicht mehr oder genauer gesagt: Der Fernseher tut's nicht mehr, wenn die Fernbedienung ihm sagt, dass er's tun soll. Vermutlich habe ich aus Versehen die Programmierung gelöscht und müsste nun den Zahlencode erneut eingeben. Im Vertrauen auf die ausführliche Internetsupportinfrastruktur habe ich das Heft mit den vielen Zahlen und Herstellern aber natürlich weggeworfen. Man kann ja nicht jedes Heft mit Zahlen und Herstellern aufheben, wo soll das denn hinführen? Nachher wohnt man in einem "Messiehaus" und "Einsatz in vier Wänden" muss eine Extrasendung bringen, um die Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen. Also besuche ich frohen Mutes die Internetseite des Ersatzfernbedienungsherstellers Thomson - doch, oh graus, was muss ich entdecken? Keine Liste mit Zahlencodes steht zum Download bereit! An dieser Stelle entfaltet sich einmal mehr das kritische Potential, das im neuen Medium Weblog liegt. Ich sage nämlich: "So nicht, Thomson! Uns dazu zwingen wollen, blöde Papierhefte jahrelang im Buffetschrank aufzuheben, das geht zu weit! Hebt die doch selbst bei euch im Buffetschrank auf, bitteschön!"
Doch selbst das kritischste Potential der Welt fährt jetzt nicht für mich zum Elektronikmarkt, reißt heimlich eine Packung Ersatzfernbedienung auf und notiert sich die richtigen Zahlencodes in der Handinnenfläche. Das muss ich jetzt selbst tun. Ich werde einfach erzählen, ich sei in der Bibliothek gewesen.
Ersatzfernbedienungen, das weiß der erfahrene Ersatzfernbedienungskäufer, müssen aber mit einem Code gefüttert werden, damit sie den richtigen Fernseher fernbedienen. Es handelt sich dabei oft um ein langwieriges wie nerviges Verfahren: Zuerst schlägt man in einem beigefügten Heft die Zahlencodes des Fernsehherstellers nach und reibt sich verwundert die Augen, wie viele Firmen im Zeitalter der Industriegeschichte schon Fernseher hergestellt haben (selbst Bosch!), dann gibt man die angegebenen Zahlencodes in einem umständlichen Verfahren ein, um schließlich zu dem Ergebnis zu kommen, dass bei den meisten die Fernbedienung gar nicht, bei manchen nur auf sonderbare Weise funktioniert: Programmtaste 1 ist plötzlich der Ausknopf, der Ausknopf ist die Stummschalttaste und alle anderen Prorgammtasten sind um drei Plätze verschoben. Im Prinzip wäre das nicht allzu tragisch, denn man gewöhnt sich ja an alles. Aber eben nur man, nicht auch die anderen. Und wie bitte soll man, wenn man selbst zu faul zum Umschalten ist, seinem Fernsehguckpartner die seltsame Syntax der neuen Fernbedienung erklären? Das versteht der doch eh wieder nicht! Am Ende läuft man also zurück in den Elektronikmarkt und kauft eine teurere Ersatzfernbedienung, die dann vielleicht funktioniert.
Aber auch nur eine Zeit lang. Denn jetzt tut sie es nicht mehr oder genauer gesagt: Der Fernseher tut's nicht mehr, wenn die Fernbedienung ihm sagt, dass er's tun soll. Vermutlich habe ich aus Versehen die Programmierung gelöscht und müsste nun den Zahlencode erneut eingeben. Im Vertrauen auf die ausführliche Internetsupportinfrastruktur habe ich das Heft mit den vielen Zahlen und Herstellern aber natürlich weggeworfen. Man kann ja nicht jedes Heft mit Zahlen und Herstellern aufheben, wo soll das denn hinführen? Nachher wohnt man in einem "Messiehaus" und "Einsatz in vier Wänden" muss eine Extrasendung bringen, um die Wohnung wieder auf Vordermann zu bringen. Also besuche ich frohen Mutes die Internetseite des Ersatzfernbedienungsherstellers Thomson - doch, oh graus, was muss ich entdecken? Keine Liste mit Zahlencodes steht zum Download bereit! An dieser Stelle entfaltet sich einmal mehr das kritische Potential, das im neuen Medium Weblog liegt. Ich sage nämlich: "So nicht, Thomson! Uns dazu zwingen wollen, blöde Papierhefte jahrelang im Buffetschrank aufzuheben, das geht zu weit! Hebt die doch selbst bei euch im Buffetschrank auf, bitteschön!"
Doch selbst das kritischste Potential der Welt fährt jetzt nicht für mich zum Elektronikmarkt, reißt heimlich eine Packung Ersatzfernbedienung auf und notiert sich die richtigen Zahlencodes in der Handinnenfläche. Das muss ich jetzt selbst tun. Ich werde einfach erzählen, ich sei in der Bibliothek gewesen.
larsweisbrod - Mythos und Technik - 3. Apr, 18:41

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