Ein Leben als Sekretär
Folgenden Texte habe ich für das Buch geschrieben, wo er aber doch nicht abgedruckt wurde. Es geht um den Ort "Büro":
Es gibt unzählige Arten, Blätter miteinander zu verbinden: Man kann eine Büroklammer nehmen (eine große oder eine kleine), man kann einen Tacker nehmen (bei besonders dicken Blätterstapeln auch einen dieser Tacker, der die Tackernadel zweifach durch den Stapel jagt), man kann die Blätter in einer Klemme abheften, man kann sie in eine Mappe legen, in eine Klarsichtfolie, man kann sie in einer Mappe abheften, in einem Ordner, in Hängeordnern, man kann sie aneinander kleben oder zum Buchbinder bringen. Es ist eine wahre Pracht, wie viele Möglichkeiten es im Büro gibt, nicht nur Blätter miteinander zu verbinden, sondern auch für vieles andere. Schon Kinder spielen deswegen nicht nur Vater, Mutter, Kind und Terrorist und Antiterroreinheit, sondern auch Büro. Sie klauen ihren Eltern Notizblöcke und Abrechnungstabellen, in die sie ausgedachte Zahlen eintragen können – Kinder lieben es, ausgedachte Zahlen irgendwo einzutragen. Sie legen Aktenordner und Hängemappen an mit ausgedachten Daten und verschicken Memos im Haus, in denen sie auf ausgedachte Aufträge verweisen, und sind dann sauer, weil keiner auf ihre Memos, sorgsam mit selbstgemaltem Briefkopf und persönlicher Unterschrift versehen, antwortet. Kinder lieben es, Dinge abzustempeln, und sind traurig darüber, dass sie nur Dinosaurier- und Tierstempel haben und keine, auf denen „Abgelehnt“ oder „Genehmigt“ steht.
Die ganze Faszination für den Faszinationskomplex Büro geht natürlich irgendwann verloren, das heißt eigentlich bleibt sie weiter bestehen, aber sie wird von einer oberflächlichen Ablehnung verdeckt. Eine oberflächliche Ablehnung, die allerdings ein bedeutendes Rädchen im Getriebe des Faszinationskomplexes wird, denn manches funktioniert als schöner Ort nur, wenn man es nicht als solchen erkennt (welchen Sinn dann eine Aufdeckung hat, sei erst einmal dahingestellt). Aber insgeheim, tief in ihnen drin, in dem für Bürotätigkeiten zuständigen Areal des Hypothalamus, verspüren die Menschen immer noch ein tiefes Wohlbefinden, ein angenehmes Kribbeln, wenn sie Steuerformulare ausfüllen und Papiere unterzeichnen. Das Büro ist schließlich auch allgegenwärtig, was würde es nutzen, sich ihm zu verschließen, die Politik besteht vermutlich zu einem großen Teil aus Büroarbeit, die Wissenschaft, vielleicht sogar die Kunst, überall liegen Textmarker herum und Büroklammern (oberste Schublade links), ausgedruckte Witzbilder hängen an den Wänden, nur eben überall andere, auf den spezifischen Witzgeschmack der Institution zugeschnittene, manchmal vielleicht sogar die selben, denn Bürohumor verbindet sicher auch. Mit dem Bürohumor will der Mensch sich innerlich abgrenzen von seinem Büro-Dasein, von seinem Leben als Sekretär. Dabei wäre er doch eigentlich, das hat er nur vergessen, glücklich als Sekretär, wenn er abstempeln und wegschicken dürfte, in Fächer verteilen, ausfüllen und frankieren. So ein Leben eines Sekretärs, das würde den Menschen erfüllen, aber nicht überstrapazieren, er hätte genug Zeit, herumzuträumen und Luftlöcher zu gucken, einen Roman zu schreiben oder sich zu verlieben.
Aber, so ist die Welt nun mal leider, es kann nicht nur Sekretäre geben, genauso wie es nicht nur Generäle geben kann. Denn irgendwer muss ja sich ausdenken, aufschreiben, entscheiden, was der Sekretär einordnet, und er muss das gut tun, er muss sich Gedanken machen, kurz: Verantwortung tragen. Doch nicht nur er, da kann man jeden Faschismusforscher fragen, auch der Sekretär darf sich von der Verantwortung nicht einfach so lossagen. So kann und darf es also nichts sein mit dem perfekten Leben des Sekretärs, dieser Tatsache müssen wir in ihre müden Büroaugen sehen. Aber so lange ein kleiner Abglanz davon auf den Lochern und Tackern und Pinnwänden liegt, ist uns geholfen, die nächsten Stunden bis zum Feierabend durchzuhalten. Wir suchen einfach mal nach einem neuen Notizblock (zweite Schublade links) und schreiben uns Notizen auf, die wir überall hinkleben. Denn es ist wichtig, was wir uns notieren, wir arbeiten schließlich in einem Büro.
Es gibt unzählige Arten, Blätter miteinander zu verbinden: Man kann eine Büroklammer nehmen (eine große oder eine kleine), man kann einen Tacker nehmen (bei besonders dicken Blätterstapeln auch einen dieser Tacker, der die Tackernadel zweifach durch den Stapel jagt), man kann die Blätter in einer Klemme abheften, man kann sie in eine Mappe legen, in eine Klarsichtfolie, man kann sie in einer Mappe abheften, in einem Ordner, in Hängeordnern, man kann sie aneinander kleben oder zum Buchbinder bringen. Es ist eine wahre Pracht, wie viele Möglichkeiten es im Büro gibt, nicht nur Blätter miteinander zu verbinden, sondern auch für vieles andere. Schon Kinder spielen deswegen nicht nur Vater, Mutter, Kind und Terrorist und Antiterroreinheit, sondern auch Büro. Sie klauen ihren Eltern Notizblöcke und Abrechnungstabellen, in die sie ausgedachte Zahlen eintragen können – Kinder lieben es, ausgedachte Zahlen irgendwo einzutragen. Sie legen Aktenordner und Hängemappen an mit ausgedachten Daten und verschicken Memos im Haus, in denen sie auf ausgedachte Aufträge verweisen, und sind dann sauer, weil keiner auf ihre Memos, sorgsam mit selbstgemaltem Briefkopf und persönlicher Unterschrift versehen, antwortet. Kinder lieben es, Dinge abzustempeln, und sind traurig darüber, dass sie nur Dinosaurier- und Tierstempel haben und keine, auf denen „Abgelehnt“ oder „Genehmigt“ steht.
Die ganze Faszination für den Faszinationskomplex Büro geht natürlich irgendwann verloren, das heißt eigentlich bleibt sie weiter bestehen, aber sie wird von einer oberflächlichen Ablehnung verdeckt. Eine oberflächliche Ablehnung, die allerdings ein bedeutendes Rädchen im Getriebe des Faszinationskomplexes wird, denn manches funktioniert als schöner Ort nur, wenn man es nicht als solchen erkennt (welchen Sinn dann eine Aufdeckung hat, sei erst einmal dahingestellt). Aber insgeheim, tief in ihnen drin, in dem für Bürotätigkeiten zuständigen Areal des Hypothalamus, verspüren die Menschen immer noch ein tiefes Wohlbefinden, ein angenehmes Kribbeln, wenn sie Steuerformulare ausfüllen und Papiere unterzeichnen. Das Büro ist schließlich auch allgegenwärtig, was würde es nutzen, sich ihm zu verschließen, die Politik besteht vermutlich zu einem großen Teil aus Büroarbeit, die Wissenschaft, vielleicht sogar die Kunst, überall liegen Textmarker herum und Büroklammern (oberste Schublade links), ausgedruckte Witzbilder hängen an den Wänden, nur eben überall andere, auf den spezifischen Witzgeschmack der Institution zugeschnittene, manchmal vielleicht sogar die selben, denn Bürohumor verbindet sicher auch. Mit dem Bürohumor will der Mensch sich innerlich abgrenzen von seinem Büro-Dasein, von seinem Leben als Sekretär. Dabei wäre er doch eigentlich, das hat er nur vergessen, glücklich als Sekretär, wenn er abstempeln und wegschicken dürfte, in Fächer verteilen, ausfüllen und frankieren. So ein Leben eines Sekretärs, das würde den Menschen erfüllen, aber nicht überstrapazieren, er hätte genug Zeit, herumzuträumen und Luftlöcher zu gucken, einen Roman zu schreiben oder sich zu verlieben.
Aber, so ist die Welt nun mal leider, es kann nicht nur Sekretäre geben, genauso wie es nicht nur Generäle geben kann. Denn irgendwer muss ja sich ausdenken, aufschreiben, entscheiden, was der Sekretär einordnet, und er muss das gut tun, er muss sich Gedanken machen, kurz: Verantwortung tragen. Doch nicht nur er, da kann man jeden Faschismusforscher fragen, auch der Sekretär darf sich von der Verantwortung nicht einfach so lossagen. So kann und darf es also nichts sein mit dem perfekten Leben des Sekretärs, dieser Tatsache müssen wir in ihre müden Büroaugen sehen. Aber so lange ein kleiner Abglanz davon auf den Lochern und Tackern und Pinnwänden liegt, ist uns geholfen, die nächsten Stunden bis zum Feierabend durchzuhalten. Wir suchen einfach mal nach einem neuen Notizblock (zweite Schublade links) und schreiben uns Notizen auf, die wir überall hinkleben. Denn es ist wichtig, was wir uns notieren, wir arbeiten schließlich in einem Büro.
larsweisbrod - Schönheitsthesen - 18. Mrz, 15:01
