Das Exklusiv-Problem
Kritik ist toll. Würde sich endlich mal jemand die Mühe machen und den Menschen einen ganzen Tag lang mit Bleistift und Notizblock hinterherlaufen, um sich aufzuschreiben, worüber sie so sprechen, es käme heraus: Neunzig Prozent ihrer Gespräche sind Kritik. Es gibt Kritik in allen möglichen Formen und Farben. Man kann Menschen kritisieren, lästern nennt man das dann, man kann Musik kritisieren, Lebensmittel, Stadtviertel, wissenschaftliche Theorien, Stimmungen, Filme, Bücher, elektronische Geräte und das Wetter. Ich würde die Prophezeiung wagen: Würde ein sozialpädagogischer Diktator das Kritisieren bei Todesstrafe verbieten, die Menschen wüssten nichts mehr mit sich anzufangen. Entweder sie träfen sich dann in der Kanalisation zu Geheimzirkeln, in denen sie dem verbotenen Kritisieren nachgingen (Anlässe hätten sie ja dann genug: "Wie es hier stinkt! Wie furchtbar doch der sozialpädagogische Diktator ist!") oder sie würden gar nicht mehr miteinander sprechen und aus Langeweile eingehen. Kritik ist aber nicht nur quantitativ bedeutend, sondern auch qualitativ. Die meisten der herausragenden und grimmepreistragenden Fernsehsendungen zum Beispiel beruhen auf Kritik. Ohne Kritik kein Harald Schmidt. Und natürlich, das ist - Stichwort "ironisches Gucken" - eine sattsam bekannte Tatsache, rührt der Spaß an Sendugen mit maximaler Entfernung zum Grimmepreis daher, dass man sich so schön aufregen kann. Aufregen ist die Höchstform der Kritik. Allerdings steht nicht hinter jedem ironischen Gucken Aufregung als Motivator. Manchmal geht es sich auch um distanziertes Mitfiebern. Ironie heißt nämlich, das kann man nicht oft genug betonen, nur im einfachste Fall, dass man das Gegenteil des Gesagten meint: Meistens meint man irgendwas dazwischen. So viel der Vollständigkeit halber. Zurück zur Kritik!
Kritik ist toll. Aber wie so vieles, das toll ist, leidet auch sie an dem schlimmen Virus der Widersprüchlichkeit. Es gibt etwas, das ich gerne das Exklusiv-Problem nenne, in Anlehnung an das RTL-Magazin aus der Welt der Prominenten unter der schrecklichen Fuchtel von Frauke Ludowig. Exklusiv habe ich nämlich eine Zeit lang sehr gerne geguckt und mich hemmungslos dem Aufregen hingegeben. Aufregen heißt nicht, dass man sich mit einem gütigen Lächeln vor den Fernseher setzt und wohlwollend schmunzelt über die Faxen, die manche Menschen so tun, weil sie denken, es sei Unterhaltung. Aufregen heißt aufregen. Aufregen heißt, dass sich die innere Terrorzelle in stillen Momenten, wenn das Überich gerade mal nicht aufpasst, wünscht, irgendwann die Nachricht lesen zu dürfen "Frauke Ludowigs Studio durch Bombenangriff zerstört". Das heißt aufregen. Wenn ich mich über etwas aufrege, dann muss ich konsequenterweise die Abschaffung dieser Sache wollen. Oder ich habe kein Recht mehr, mich aufzuregen. Wer die Kritik und das Aufregen nun aber genießt, der sitzt in einem knallharte Dilemma fest wie die dicke Frau in der Drehtür: Entweder man müsste darauf hinarbeiten, seine geliebte Aufregung durch Ausschaltung ihres Gegenstandes abzuschaffen, oder man lässt das Hinarbeiten sein, hat aber damit eigentlich das Recht verspielt, sich aufzuregen. Mit diesen Gedanken im Kopf saß ich dann meist bis spät in die Nacht vor dem Fernseher und ich wusste einfach keine Lösung.
Ich weiß immer noch keine. Man müsste wohl die Metaphysik des Aufregens näher beleuchtet, ihre Komponenten auseinander nehmen und wieder zusammenbauen, um zumindest sagen zu können, woher der Widerspruch rührt. Lösen könnte man ihn dann wohl immernoch nicht, aber es schläft sich besser, wenn man weiß, woher die Antinomien dieser Welt herkommen. Diese Aufgabe möchte ich nicht angehen, sie übersteigt meine Fähigkeiten bei weitem. Darum sollen sich doch bitte die großen Köpfe unserer Zeit endlich mal kümmern, David Chalmers, Jürgen Habermas, Harald Schmidt.
Kritik ist toll. Aber wie so vieles, das toll ist, leidet auch sie an dem schlimmen Virus der Widersprüchlichkeit. Es gibt etwas, das ich gerne das Exklusiv-Problem nenne, in Anlehnung an das RTL-Magazin aus der Welt der Prominenten unter der schrecklichen Fuchtel von Frauke Ludowig. Exklusiv habe ich nämlich eine Zeit lang sehr gerne geguckt und mich hemmungslos dem Aufregen hingegeben. Aufregen heißt nicht, dass man sich mit einem gütigen Lächeln vor den Fernseher setzt und wohlwollend schmunzelt über die Faxen, die manche Menschen so tun, weil sie denken, es sei Unterhaltung. Aufregen heißt aufregen. Aufregen heißt, dass sich die innere Terrorzelle in stillen Momenten, wenn das Überich gerade mal nicht aufpasst, wünscht, irgendwann die Nachricht lesen zu dürfen "Frauke Ludowigs Studio durch Bombenangriff zerstört". Das heißt aufregen. Wenn ich mich über etwas aufrege, dann muss ich konsequenterweise die Abschaffung dieser Sache wollen. Oder ich habe kein Recht mehr, mich aufzuregen. Wer die Kritik und das Aufregen nun aber genießt, der sitzt in einem knallharte Dilemma fest wie die dicke Frau in der Drehtür: Entweder man müsste darauf hinarbeiten, seine geliebte Aufregung durch Ausschaltung ihres Gegenstandes abzuschaffen, oder man lässt das Hinarbeiten sein, hat aber damit eigentlich das Recht verspielt, sich aufzuregen. Mit diesen Gedanken im Kopf saß ich dann meist bis spät in die Nacht vor dem Fernseher und ich wusste einfach keine Lösung.
Ich weiß immer noch keine. Man müsste wohl die Metaphysik des Aufregens näher beleuchtet, ihre Komponenten auseinander nehmen und wieder zusammenbauen, um zumindest sagen zu können, woher der Widerspruch rührt. Lösen könnte man ihn dann wohl immernoch nicht, aber es schläft sich besser, wenn man weiß, woher die Antinomien dieser Welt herkommen. Diese Aufgabe möchte ich nicht angehen, sie übersteigt meine Fähigkeiten bei weitem. Darum sollen sich doch bitte die großen Köpfe unserer Zeit endlich mal kümmern, David Chalmers, Jürgen Habermas, Harald Schmidt.
larsweisbrod - Fernsehen - 23. Mai, 15:38
