Zum Zauberberg (III)
Vergangene Woche ist viel passiert. Irgendeiner hat irgendwas Dummes im Internet gesagt, weil er aber der Oberunterchef von so einer Zeitung ist, ist sein Dummes nicht einfach in den vielen anderen Dummheiten im Internet untergegangen. Deswegen konnte dann der Oberunterchef von irgendeiner anderen Zeitung darüber schreiben, wie dumm das Dumme war, und so ein ganz anderer auch und wieder ein anderer, dass es gar nicht so dumm war, und noch ein anderer die Debatte im Ganzen mit den Begriffen von Marschall McLuhan beleuchten. Das ist natürlich alles relativ egal und spätestens morgen werden die 2300 zukünftigen Ex-Nokiamitarbeiter Jens Jessen und seine nörgelnden Renter aus dem Blätterwald vertrieben haben. Aber, um mit einer beliebten Gegenfrage zu kontern, was ist denn schon nicht relativ egal? Nichts bzw. alles, natürlich. Darum auch an dieser Stelle nun eine kurze, aber nicht deswegen wenig gewagte Meinung zur Diskussion. Es gibt eine Frage, die sich ganz unverschämt stellt, die einfach bei uns an der Tür klingelt wie der Heizungsableser morgens um acht: Warum finden wir (und damit meine ich primär mich, wie immer, wenn ich "wir" sage), es eigentlich immer viel weniger schlimm, wenn ein - sagen wir mal - Linksliberaler irgendwas Dummes sagt, als wenn ein - sagen wir mal - Konservativer irgendwas Dummes sagt?* Es ist natürlich schwierig, vergleichbare Fälle zu finden, aber mit etwas Abstraktion und blühender Phantasie könnte man sich doch ein Statement von Markus Söder überlegen, dass dem von Jessen in seiner un- oder halbüberlegt frechen Konsensunfähigkeit gleichkäme. Mit böser Häme würden wir da doch reagieren, während Jessen uns eher leid tut, wir wollen ihn in den Arm und in Schutz nehmen. Die Frage also lautet, um sie nochmal zu wiederholen, falls einer sie schon vergessen hat: Warum?
Vielleicht weil unser Bildungssystem von altlinken Sozialkundelehrern verseucht ist, die uns indoktrinieren? Möglicherweise. Weil junge Menschen das Konservative scheuen wie Franz Josef Wagner die U-Bahn? Vielleicht. Aber die beste Begründung liefert natürlich, wie sollte es anders sein, der Zauberberg. Jens Jessen ist nämlich so etwas wie Ludovico Settembrini und Frank Schirrmacher so etwas wie Naphta. Von der konkreten politischen Meinung natürlich nicht, Jessen ist wohl kein Verteidiger einer strengbürgerlichen Aufklärung, getragen von ungebändigtem technischen Fortschrittsglauben, und Schirrmacher noch viel weniger ein terroristischer Klerikalkommunist, der für's Mittelalter schwärmt. Aber im Prinzip, da ähneln sie sich: Beide Pärchen mit konkurrierenden Meinungen, alle vier Pädagogen und auch Schwätzer und ihre gewichtigen Meinungen ein lächerliches Nichts, sobald jemand wie Mynheer Peeperkorn oder Clawdia Chauchat auftaucht. Aber vor allem: Der eine, Schirrmachernaphta, mag am Ende zwar etwas richtiger liegen - oder sagen wir es lieber andersherum: etwas weniger Unrecht haben - , den anderen aber, Jessensettembrini, mögen wir lieber, denn, wie Hans Castorp es mit seiner wunderbaren Empathie ausspricht (Hinweis für eilige Leser: hier kommt die Antwort): Er meint es gut mit den Menschen. Und wenn er eine Dummheit begeht, dann weil er es gut meint. Das sind wir (sprich: bin ich) eher geneigt, zu entschuldigen.
Aber, höre ich jetzt Rufe aus allen Ecken, meinte Jessen es denn etwa mit dem Opfer gut? Und selbst wenn, meinen es die Konservativen nicht genauso gut? Und ist es nicht nur eine Frage des Maßes an Linksaußenheit, ob man es noch gut meint? Oder haben es nicht auch Diktatoren eigentlich gut mit den Menschen gemeint, sie gar geliebt? Und ist nicht sowieso "gut gemeint" das Gegenteil von "gut gemacht"? Ich muss diesen Rufern antworten: Ich weiß es nicht. Aber mir fehlen ja auch noch die letzten zweihundert Seiten im Zauberberg. Auf denen stehen sicher auch die Antworten auf diese Fragen.
*Ausnahmen: Oskar Lafontaine, Jürgen Rüttgers u.v.a.
Vielleicht weil unser Bildungssystem von altlinken Sozialkundelehrern verseucht ist, die uns indoktrinieren? Möglicherweise. Weil junge Menschen das Konservative scheuen wie Franz Josef Wagner die U-Bahn? Vielleicht. Aber die beste Begründung liefert natürlich, wie sollte es anders sein, der Zauberberg. Jens Jessen ist nämlich so etwas wie Ludovico Settembrini und Frank Schirrmacher so etwas wie Naphta. Von der konkreten politischen Meinung natürlich nicht, Jessen ist wohl kein Verteidiger einer strengbürgerlichen Aufklärung, getragen von ungebändigtem technischen Fortschrittsglauben, und Schirrmacher noch viel weniger ein terroristischer Klerikalkommunist, der für's Mittelalter schwärmt. Aber im Prinzip, da ähneln sie sich: Beide Pärchen mit konkurrierenden Meinungen, alle vier Pädagogen und auch Schwätzer und ihre gewichtigen Meinungen ein lächerliches Nichts, sobald jemand wie Mynheer Peeperkorn oder Clawdia Chauchat auftaucht. Aber vor allem: Der eine, Schirrmachernaphta, mag am Ende zwar etwas richtiger liegen - oder sagen wir es lieber andersherum: etwas weniger Unrecht haben - , den anderen aber, Jessensettembrini, mögen wir lieber, denn, wie Hans Castorp es mit seiner wunderbaren Empathie ausspricht (Hinweis für eilige Leser: hier kommt die Antwort): Er meint es gut mit den Menschen. Und wenn er eine Dummheit begeht, dann weil er es gut meint. Das sind wir (sprich: bin ich) eher geneigt, zu entschuldigen.
Aber, höre ich jetzt Rufe aus allen Ecken, meinte Jessen es denn etwa mit dem Opfer gut? Und selbst wenn, meinen es die Konservativen nicht genauso gut? Und ist es nicht nur eine Frage des Maßes an Linksaußenheit, ob man es noch gut meint? Oder haben es nicht auch Diktatoren eigentlich gut mit den Menschen gemeint, sie gar geliebt? Und ist nicht sowieso "gut gemeint" das Gegenteil von "gut gemacht"? Ich muss diesen Rufern antworten: Ich weiß es nicht. Aber mir fehlen ja auch noch die letzten zweihundert Seiten im Zauberberg. Auf denen stehen sicher auch die Antworten auf diese Fragen.
*Ausnahmen: Oskar Lafontaine, Jürgen Rüttgers u.v.a.
larsweisbrod - niedliche Ansichten zur Politik - 20. Jan, 12:44
