Zum Zauberberg (II)
Achtung, Spoiler.
Es gibt gute und es gibt schlechte Nachrichten. Zuerst die gute (denn die schlechte kommt einer Pointe in diesem pointenlosen Beitrag noch am nächsten, darum will ich sie nicht gleich zu Anfang verpfeffern): Gestern Nacht kam es zwischen Seite 444 und 473 zu einem Höhepunkt, wie ich vermute. Nun ist es schwer, einen Höhepunkt auszumachen, wenn man das ganze noch nicht überblicken kann, denn man möge meinen der Höhepunkt sei etwas Relationales, nichts Eigenständiges. Aber zum einen ist das ganze ja sowieso das Unwahre, und zum anderen wiesen die Seiten zwischen 444 und 473 so viele Höhepunktmerkmale auf, dass man getrost von einem solchen sprechen kann. Was also ist passiert? Zum einen trat der bisher gefühlt größte Zeitsprung in der Erzählung auf: Eben war noch Nachweihnachtszeit, jetzt auf einmal schon Fastnacht, Silvester wurde ganz übergangen. Die beiden Vettern haben vom Hofrat wie zu erwarten weitere Monate aufgebrummt bekommen, das Zeitmaß verschiebt sich also ins Unendliche, und wenn nicht so weit, dann doch zumindest ins sehr Große, Monate werden zu Tagen, sunt dies quasi summa vitae. Ganz im Sinne des Erzählers also, der uns mit solchen Fragen des Zeitmaßes schon seit den ersten Seiten in den Ohren liegt.
Es ist also Karneval und welch erfreuliche Erkenntnis, dass der alte Mann einen Höhepunkt in diese Tage verlegt, in die Tage, die für ihre gekünstelte Ausgelassenheit und artifizielle Höhepunkthaftigkeit doch immer so gescholten werden. Doch das interessiert Mann nicht, er lässt seinen Höhepunkt an Karneval sich abspielen, nicht an Weihnachten, nicht an Ostern, nicht an Pfingsten - an Karneval. Was passiert nun? Zum einen, ein untrügerisches Höhepunktzeichen, der sehnlich erwartete Titel taucht auf, und zwar in der besten aller möglichen Formen: als Abwandlung eines Faust-Zitats. Angesichts des bunten Treibens schickt beim Essen Settembrini, der Aufklärer, einen Zettel zu Hans Castorp hinüber: "Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll, / Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll, / So müßt Ihr's so genau nicht nehmen." Ich bin doch ein wenig stolz, die Herkunft des Zitats erkannt zu haben, auch wenn es einige Hinweise gab - so heißt die Überschrift des Unterkapitels "Walpurgisnacht" und Settembrini erwähnt auch das Harzgebirge. Ich bin dann noch mitten in der Nacht an mein schmächliches Bücherregal mit den Reclambändchen geschlichen, um die Stelle nachzuschlagen, und fand sie tatsächlich zaubertoll, sie hatte etwas Tocotronichaftes, wenn mir diese Umkehrung der Vergleichskulturgeschichte erlaubt sei. Späte Tocotronic, natürlich.
Der eigentliche Höhepunkt, ich versuche mich jetzt kurz zu fassen, weil ich ihn in seiner wahren Höhepunkthaftigkeit sowieso nicht beschreiben kann, war aber das: Hans Castorp sprach im Laufe der Feierlichkeiten, in fast ekstatischem Zustand, Clawdia Chauchat an und zwar unter genau dem gleichen Vorwand, unter dem er auch als Schüler Pribislav Hippe angesprochen hatte: Er erbat sich einen Bleistift. Ich will, wie gesagt, gar nicht anfangen davon, welche aufgeladene Erwartungen auf dieser Begegnung lagen, auf ihren ersten Worten, die man lesen würde, Teenagererwartungen, meinerseits zumindest, zerreißende Spannung, aber auch Angst, ob sie ihm denn die gleiche Bewunderung entgegenbringt, wie er ihr. Die Geschichte zwischen den beiden so sei so sexy, sagte eine Kommilitonin neulich während der Vorlesung zur generativen Syntax. Sie ist noch viel mehr als das!
Nun, und jetzt die versprochene Pointe, die schlechte Nachricht: Die beiden reden hauptsächlich Französisch miteinander. Mehrere Seiten lang. Ich kann kein Französisch. Jetzt habe ich mehrere hundert Seiten lang darauf gewartet, was sie wohl sagen würde, und dann verstehe ich es nicht und muss über die Seiten erstmal einfach hinwegblättern. Ich werde mich heute in die Bibliothek begeben, um zu schauen, ob sie da vielleicht eine Ausgabe mit Anmerkungen und Übersetzungen haben. Dann würde ich auch verstehen, welche warnenden Worte der Aufklärer dem jungen Hans Castopr noch auf Italienisch zuruft, bevor er zum vorläufigen Höhepunkt schreitet. Sollte es so etwas dort nicht geben, muss ich mir eine hübsche Romanistikstudentin suchen, die eine halbe Stunde Zeit hat. Aber welche hübsche Romanistikstudentin hat schon eine halbe Stunde Zeit für mich? Spoiler Ende.
Es gibt gute und es gibt schlechte Nachrichten. Zuerst die gute (denn die schlechte kommt einer Pointe in diesem pointenlosen Beitrag noch am nächsten, darum will ich sie nicht gleich zu Anfang verpfeffern): Gestern Nacht kam es zwischen Seite 444 und 473 zu einem Höhepunkt, wie ich vermute. Nun ist es schwer, einen Höhepunkt auszumachen, wenn man das ganze noch nicht überblicken kann, denn man möge meinen der Höhepunkt sei etwas Relationales, nichts Eigenständiges. Aber zum einen ist das ganze ja sowieso das Unwahre, und zum anderen wiesen die Seiten zwischen 444 und 473 so viele Höhepunktmerkmale auf, dass man getrost von einem solchen sprechen kann. Was also ist passiert? Zum einen trat der bisher gefühlt größte Zeitsprung in der Erzählung auf: Eben war noch Nachweihnachtszeit, jetzt auf einmal schon Fastnacht, Silvester wurde ganz übergangen. Die beiden Vettern haben vom Hofrat wie zu erwarten weitere Monate aufgebrummt bekommen, das Zeitmaß verschiebt sich also ins Unendliche, und wenn nicht so weit, dann doch zumindest ins sehr Große, Monate werden zu Tagen, sunt dies quasi summa vitae. Ganz im Sinne des Erzählers also, der uns mit solchen Fragen des Zeitmaßes schon seit den ersten Seiten in den Ohren liegt.
Es ist also Karneval und welch erfreuliche Erkenntnis, dass der alte Mann einen Höhepunkt in diese Tage verlegt, in die Tage, die für ihre gekünstelte Ausgelassenheit und artifizielle Höhepunkthaftigkeit doch immer so gescholten werden. Doch das interessiert Mann nicht, er lässt seinen Höhepunkt an Karneval sich abspielen, nicht an Weihnachten, nicht an Ostern, nicht an Pfingsten - an Karneval. Was passiert nun? Zum einen, ein untrügerisches Höhepunktzeichen, der sehnlich erwartete Titel taucht auf, und zwar in der besten aller möglichen Formen: als Abwandlung eines Faust-Zitats. Angesichts des bunten Treibens schickt beim Essen Settembrini, der Aufklärer, einen Zettel zu Hans Castorp hinüber: "Allein bedenkt! Der Berg ist heute zaubertoll, / Und wenn ein Irrlicht Euch die Wege weisen soll, / So müßt Ihr's so genau nicht nehmen." Ich bin doch ein wenig stolz, die Herkunft des Zitats erkannt zu haben, auch wenn es einige Hinweise gab - so heißt die Überschrift des Unterkapitels "Walpurgisnacht" und Settembrini erwähnt auch das Harzgebirge. Ich bin dann noch mitten in der Nacht an mein schmächliches Bücherregal mit den Reclambändchen geschlichen, um die Stelle nachzuschlagen, und fand sie tatsächlich zaubertoll, sie hatte etwas Tocotronichaftes, wenn mir diese Umkehrung der Vergleichskulturgeschichte erlaubt sei. Späte Tocotronic, natürlich.
Der eigentliche Höhepunkt, ich versuche mich jetzt kurz zu fassen, weil ich ihn in seiner wahren Höhepunkthaftigkeit sowieso nicht beschreiben kann, war aber das: Hans Castorp sprach im Laufe der Feierlichkeiten, in fast ekstatischem Zustand, Clawdia Chauchat an und zwar unter genau dem gleichen Vorwand, unter dem er auch als Schüler Pribislav Hippe angesprochen hatte: Er erbat sich einen Bleistift. Ich will, wie gesagt, gar nicht anfangen davon, welche aufgeladene Erwartungen auf dieser Begegnung lagen, auf ihren ersten Worten, die man lesen würde, Teenagererwartungen, meinerseits zumindest, zerreißende Spannung, aber auch Angst, ob sie ihm denn die gleiche Bewunderung entgegenbringt, wie er ihr. Die Geschichte zwischen den beiden so sei so sexy, sagte eine Kommilitonin neulich während der Vorlesung zur generativen Syntax. Sie ist noch viel mehr als das!
Nun, und jetzt die versprochene Pointe, die schlechte Nachricht: Die beiden reden hauptsächlich Französisch miteinander. Mehrere Seiten lang. Ich kann kein Französisch. Jetzt habe ich mehrere hundert Seiten lang darauf gewartet, was sie wohl sagen würde, und dann verstehe ich es nicht und muss über die Seiten erstmal einfach hinwegblättern. Ich werde mich heute in die Bibliothek begeben, um zu schauen, ob sie da vielleicht eine Ausgabe mit Anmerkungen und Übersetzungen haben. Dann würde ich auch verstehen, welche warnenden Worte der Aufklärer dem jungen Hans Castopr noch auf Italienisch zuruft, bevor er zum vorläufigen Höhepunkt schreitet. Sollte es so etwas dort nicht geben, muss ich mir eine hübsche Romanistikstudentin suchen, die eine halbe Stunde Zeit hat. Aber welche hübsche Romanistikstudentin hat schon eine halbe Stunde Zeit für mich? Spoiler Ende.
larsweisbrod - Ideen, die andere hatten - 18. Dez, 11:25
