Vollkommen willkürliche ästhetische Stipulationen
Da denkt, hofft, betet man geradezu darum, dass die Dinge sich von selbst erledigen, aber das tun sie natürlich nicht, denn die Dinge sind faul. Also muss man sich doch wieder selbst drum kümmern und die Kritikerbrille auf die Nase setzen, die Stimme räuspern und verkünden, so ungern man auch mit Kritikerbrillen auf der Nase verkündet: Weder, liebe Infotainment-Moderatoren, Werbetexter und Angehörige, "klickt" man euch beziehungsweise eure Auftraggeber im Internet "an" oder "sich" gar "rein unter" eurer Webadresse, noch "surft" man dorthin. Man, um das ein für alle Mal festzustellen, geht auf eine Internetseite. Keiner der jungen Menschen, die ihr erreichen wollt, ruft seinen Bekannten im Erfrischungsraum der Universität zu "Klick dich doch mal rein unter meiner Myspace-Seite!" oder "Surf mich doch mal an bei Facebook!", nein, sie sagen "Geh doch mal auf" wie in "Geh doch mal auf die Barrikaden" oder "Ich geh aufs Gymmi". Die einer Internetseite zugehörige Präpostion lautet "auf", das Besuchsverb "gehen", das lege ich nun in einer vollkommen willkürlichen ästhetischen Stipulation fest, an die sich die Infotainment-Moderatoren und Werbetexter bitte bis übernächsten Montag in einer Selbstverpflichtung zu halten versprechen. Wer mag, darf diese Entscheidung auch mit halbseidenen Argumentationsketten begründen wie: "Internetseite kommt von Website, was so etwas ist wie eine reconstrcution site, welche wiederum im Deutschen Baustelle heißt und ebenfalls Hand in Hand mit 'auf' geht: Auf der Baustelle trinken die Bauarbeiter viel Bier, unter der Baustelle nur in Ausnahmefällen und bei schlimmen Einsturzkatastrophen." Mich aber juckt meine Kritikerbrille sehr auf der Nase, ich kriege gar einen schlimmen Ausschlag davon, darum setze ich sie schnell ab und gebe sie den anderen Damen und Herren zurück, die sie dringend brauchen, um ihre Feuilletontexte fertig schreiben zu können. Es ist ein hartes Los, sie manchmal tragen zu müssen, und man tut es nicht, das soll nur ja keiner glauben, weil man denkt, einer müsse es ja machen, sondern, ganz im Gegenteil, weil man einfach sonst nichts kann. Traurig, traurig.
larsweisbrod - Brandneue Redewendungen - 7. Dez, 01:41
