Etwas Pathetisches über schöne Orte denken
Manchmal sind die Orte des Geschehens fast besser als das Geschehen selbst und meist wäre das Geschehen ohne den Ort auch nur die Hälfte wert. Und so liest man in den Räucherkammern alter Schlachthöfe und staunt über das Gewölbe oder steigt steile Stufen hinab in einen ehemaligen Luftschutzbunker mit Wänden, an denen Geräusche abperlen wie Wasser an Papierschiffchen, die man mit Butter eingerieben hat. So steht man auf übereinandergestapelten Paletten zwischen Kotflügeln und Autokleinteilen oder sitzt auf einem Traktor in irgendeinem deutschen Mittelgebirge. So steht man vor der Leinwand eines alten Kinos, in dem man den Beginn des 20. Jahrhunderts nicht nur sehen, sondern irgendwie sogar noch riechen kann, und er duftet. So wuselt man zwischen Kameras herum, die in einer Halle stehen, in der ein Künstler aus Marokko sein Atelier platziert hat, und steigt man die Treppe hinauf, fällt man zwischen seine schnörkeligen, samtigen Möbel und blinzelt durch verstaubte Fenster ins Industriegebiet. So steht man mit Winterjacke und Schal auf einer Bühne in einem alten Hallenbad und alles, was man sagt, werfen die hohen Wände scheppernd zurück und sucht man frierend die Toilette sagen einem alte Schilder, wo früher mal das Dampfbad war und wo die Männer schwammen und wo die Frauen und die eisige Kälte wird aufgehoben von Schläuchen, aus denen warmer Wind auf kalte Wangen bläst, und von einer Beleuchtung, die einem fast das Gefühl gibt, das Wasser sei noch da. Und kommt die Müdigkeit, wird man manchmal sogar in einen ausrangierten Schlafwagen auf dem Abstellgleis gebracht und möchte eigentlich noch schnell etwas Pathetisches über schöne Orte denken, aber dann ist man schon eingeschlafen.
nadjaschlueter - Schönheitsthesen - 28. Nov, 22:54
