Vom Lektor abgelehnt
Im Tunnel hockt die Furcht, da musst du durch, singt Sebastian Krämer. Licht am Ende des Tunnels, sagt der Optimist. Da kommt, da kommt, da kommt ein Zug, singt Thees Uhlmann. Ein Tunnel am Ende des Lichts, sagt der schlauere Optimist. Viele Menschen haben Angst vor Tunneln. Sie wissen nicht, wie sie ihn im Nominativ Plural nennen sollen. Sie wissen nicht, was ein Nominativ Plural ist. Sie haben Angst in der engen Dunkelheit. Dabei sind Tunnel Meisterwerke unter dem vom Menschen Geschaffenen. Mit ihrer Hilfe kann man unter der Elbe hindurchfahren, unter dem Ärmelkanal und unter den Alpen. Man fährt und es geht: Licht, Dunkel, Licht, Dunkel, Licht, Dunkel, Licht, Dunkel, Licht, Dunkel. Das ist bezaubernd. Licht, Dunkel. Immer wieder Nothaltebucht. Gäbe es im Leben nur so viel Nothaltebucht! Tunnel werden gegraben von Schildbohrmaschinen. Riesige Ungetüme, die sich durch den Untergrund wühlen wie Sandwürmer durch die Erde Dunes. Sie gehorchen nur den großen Ingenieuren. Der große Ingenieur, der Moa’dib. Die meisten Maschinen haben keine Namen. Tunnelbohrmaschinen haben Namen. Die Kölner Verkehrsbetriebe bauen einen Tunnel. Die Einwohner durften die Namen der Schildbohrmaschinen wählen. Jesses, Maria und Joseph wurden leider abgelehnt. Stattdessen Tosca, Rosa, Carmen. Denn dicke Mädchen haben schöne Namen, singen die Höhner. Manche Menschen haben Angst vor Tunneln. Dabei sind Tunnel dem Menschen eine Hilfe. Sie führen ihn hinaus, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt. Männer graben einen Tunnel aus ihrem Gefängnis. Sie führen ihn hinein, wenn es keinen anderen Eingang gibt. Unter dem Reichstag: ein Tunnel. Vom Vatikan zur Engelsburg: ein Tunnel. Daran musst du denken, traust du dich nicht durch die Bahnhofsunterführung. Ein Kreiskehrtunnel dient dem gleichen Zweck wie ein Kehrtunnel, nur dass der Tunnel keinen Richtungswechsel, sondern wie eine Schraubenlinie einen Kreis von 360 Grad im Berg vollführt und die Streckenrichtung prinzipiell beibehält und eine Schienenstrecke so auf kurzer Luftlinie erheblich an Höhe gewinnen kann, singt Wikipedia. Im Tunnel denkt man manchmal, man fahre bergauf, obwohl man bergab fährt. Der Tunnel ist eine Presseabteilung. Im Tunnel denkt man, man fahre schneller. Im Tunnel kommt der Tunnelblick. Im Tunnel geht das Gespräch weg. Hallo, hallo, bist du noch da. Ja, da war gerade ein Tunnel. Hallo, hallo. Nein, ich habe nicht absichtlich aufgelegt. Der Tunnel führt uns zu den Schätzen des Bergs. Der Tunnel führt die Abenteurer zu den Geheimnissen der Erde. Die Tunnel testet einmal im Jahr der ADAC. Manchmal muss man ins Dunkel, um zurück ins Licht zu kommen, sagt er dann leider nicht. Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser wird. Was willst du machen, wenn über dir Tausend Tonnen Gestein liegen? Du musst Vertrauen haben. Tausend Tonnen Gestein gegen dein Vertrauen. Einst wohnte der Mensch in Höhlen. Jetzt baut er seine eigenen, kilometerlang. Mit zwei Eingängen. Wer hätte das je gedacht? Der Mensch plant verrücktes Zeug. Die Porta Alpina, zum Beispiel. Durch das Gotthartmassiv soll der Gotthartbasistunnel führen. Der längste Tunnel der Welt. Aber das ist dem Mensch nicht genug. In seiner Mitte soll der tiefste Bahnhof der Welt sein. 800 Meter unter dem Tag. Ein Bahnhof im Tunnel. Es ist so schön! Wer durch einen Tunnel fährt, fährt durch das Innere der Erde. Ein Blutkörperchen in ihren Adern. Vor einer Tunneleinfahrt steht man wie das Kaninchen vor der Schlange. Wie der Patient vor dem Untersuchungszimmer. Der Angeklagte vor dem Gericht. Tausend Zeichen, tausend Schranken. Da musst du jetzt rein. Da kommst du so schnell nicht raus. Da musst du jetzt durch. Augen auf oder Auge zu. Wer Höhenangst hat, hat hier leicht reden. Wer Angst vor allem hat, hat nirgendwo leicht reden. Licht aus?
larsweisbrod - Fragmente - 26. Nov, 20:19

zu Recht