Wenn die Bahn streikt
Wenn die Bahn streikt, dann wacht das Leidtun erst auf. Die Lokführer tun einem Leid, weil sie so wenig Geld bekommen, die Pendler tun einem Leid, weil sie so wenig irgendwo hinkommen, Hartmut Mehdorn tut einem Leid, weil alle denken, er hieße mit Vornamen "Bahnchef", Maximilian Schell tut einem Leid, weil ihm keiner seine Kur gönnt. Am meisten tun einem aber die Lokführer Leid, die beim Streichhölzchen ziehen verloren haben und den Streikführer spielen müssen. Denn wenn die Bahn streikt, wacht auch die unerbitterliche Medenmaschinerie auf und zerrt vor Kameras und Mikrofone, was sich nicht wehren kann und eine Plastiktüte um den Leib trägt, zum Beispiel Streikführer. Dann stehen sie da, vor den Bahnhöfen, in ihren Fliesspullovern und blicken in die erwartungsvollen Augen gutgekleideter WDR-Reporter, die wissen wollen, ob die Stimmung in der Bevölkerung denn nun eigentlich kippe, und sagen dann irgendetwas, was sie sich vorher zurecht gelegt haben, zum Beispiel, dass ein Kunde ihnen Schokocroissants vorbeibrachte. Das sagen sie so, als sei das Detail von entscheidender Bedeutung, dass es Schokocroissants waren und keine gewöhnlichen, langweiligen Buttercroissants, und wie alles Vorher-zurecht-gelegte wirkt es albern, wenn sie es sagen. Kurz gesagt, sie tun einem Leid, und man denkt: Gebt ihnen doch die 30 Prozent, gebt ihnen kürzere Arbeitszeiten und einen eignen Tarifvertrag, bei Gott, aber holt sie weg von den Mikrofonen, schickt sie zurück in ihre Führerhäuschen, wo sie nicht viel sagen müssen, außer manchmal "MACHEN SIE BITTE DIE TÜREN FREI, SONST KÖNNEN WIR NICHT WEITERFAHREN".
larsweisbrod - niedliche Ansichten zur Politik - 25. Okt, 20:11
