Von rechts nach links durchziehen
Bevor ich morgens das Haus verlasse, sehe ich aus meinem Fenster auf die Straße und achte darauf, welche Klamotten die Menschen tragen, um daraus Schlüsse auf die Temperaturverhältnisse zu ziehen und mich im Hinblick darauf angemessen zu kleiden. Vorallem auf die Radfahrer achte ich, denn in 80 Prozent der Haus-verlassen-Fälle nehme auch ich das Fahrrad, um an mein Ziel zu gelangen. Natürlich reicht nicht ein einzelner Radfahrer, es ist schließlich möglich, dass ich dann genau den einen erwische, der auch bei arktischen Temperaturen nicht auf Bermuda-Shorts, Hawaii-Hemden und seine Lieblingssandalen verzichten will. Ich muss also ungefähr fünf bis zehn Räder abwarten, um eine repräsentative Schnittmenge zu erhalten. Bei kaltem Wetter, wie es zur Zeit herrscht, erfreue ich mich dann gleichzeitig an der oft amüsanten Mützenmode, an den unterschiedlichen Rottönen der Nasen oder daran, wie hoch manch einer seine Schultern bzw. wie tief seinen Kopf zwischen diese ziehen kann. Mein liebstes Indiz für Kälte, mein liebster Hinweis auf "Handschuhe und Mütze anziehen!" ist aber eine besondere, leicht akrobatisch angehauchte Fahrweise. Die Straße vor meinem Fenster ist leicht abschüssig und man kann sich herrlich rollen lassen. Wenn es kalt ist und jemand keine Handschuhe und keine Mütze trägt, dann steckt er gerne die Hände in die Jackentaschen, zieht den Kopf ein und lässt freihändig das Rad den Weg die Straße hinunter finden. Manchmal warte ich dann sogar fünfzehn bis zwanzig Räder ab, um möglichst viele lässig auf dem Sattel ruhende Menschen mit tief in den Taschen vergrabenen, verfrorenen Händen und im Kragen kaum sichtbarem Kopf meinen Fensterrahmen von rechts nach links durchziehen zu sehen. Dann sitze ich am Fenster und schmunzele und der Tag beginnt gut.
nadjaschlueter - auf der Straße gefunden - 24. Okt, 17:31
