Der traurige Entertainer
Klar gehört es zur Show, wenn jemand wie Bernd Begemann auf der Bühne wirkt wie ein komplett gescheiterter Künstler, der seinen Frust nach dem Auftritt jedesmal in Alkohol ertränken muss und mit seinen Musikerkollegen schon lange kein Wort mehr wechselt. Trotzdem, obwohl man das weiß, hält man Begemann für einen traurigen Menschen, dem eine tiefe Unzufriedenheit mit seinen Liedern, oder zumindest vielen davon, innewohnt. Das ist möglicherweise das bleibendste Gefühl, das er bei einen bisher Begemann-Unkundigen hinterlässt, der eines seiner aktuellen Konzerte im Kölner Blue Shell besucht. Zusammen bilden die Auftritte eine Art komplette Retrospektive auf das doch schon länger andauernde Schaffen Begemanns: Jeden Monat spielt er zuerst eines seiner zahlreichen Alben komplett und dann seine Hits und das vom Publikum Gewünschte.
Der traurige Flair von Las Vegas scheint diese Art von Konzertgestaltung zu umwehen und Begemann erfüllt den Anspruch dieser Traurigkeit: dass er sich mit seinen Mitmusikern streitet, dass er ironischen Abstand zu seinen Liedern und seinem Publikum hält, das alleine macht es nicht aus; viele tun das ja, ohne dass wir ihnen gleich eine Traurigkeit unterstellen (eher im Gegenteil, meistens wirken sie dadurch um so beschwingter). Aber die Art, mit der Begemann diesen Zirkus betreibt, die ist doch bemerkenswert. Man wird das Gefühl nicht los, als habe er tatsächlich keine Lust mehr auf den ganzen Kram, darauf seit zwanzig Jahren mittelerfolgreich herumzutingeln. Entweder spielt er den leidenden Entertainer hervorragend subtil oder er ist tatsächlich einer.
Das soll nicht heißen, dass es ein schlechtes Konzert war, gestern Abend. Gerade dem Begemann-Unkundigen wurde bewiesen, wie unpeinlich Entertainment doch sein kann. Selbst Mitmachaktionen (die Männer singen dieses, die Frauen singen jenes) brachte er elegant über die Bühne, mit einem Ergebnis, das sich tatsächlich nett anhörte. "Unten am Fluss" sang das Publikum, "Wo noch mal genau?" sprach Begemann lässig dazwischen, "unten am Fluss" - "nur damit wir uns richtig verstehen" - "wo die großen" - "Ich will das nur klarstellen" - "Schiffe schlafen". Das war ganz wunderbar, wie er das gemacht hat. Vielleicht ist es nur ein Artikel in der Titanic, der einen auf den Gedanken mit der Traurigkeit bringt. Begemann wurde gelobt dort, weil aus seinen Werken tatsächlich eine Art von Scheitern spricht, denn er hat es immer noch nicht geschafft. Wenn er jetzt auf seine Lieder schimpft, auf die betrunkenen BWL-Studenten, die sie singen, und auf seine Bandmitglieder, dann kommt man nicht umhin, dahinter etwas Tatsächliches zu vermuten. Der traurige Bernd Begemann. Man möchte, denkt man dann, nicht mit ihm tauschen. In seinem Alter, nach all den Jahren und Liedern, nicht so da oben stehen.
Es war außergewöhnlich heiß im Blue Shell an diesem Abend, das Klima ließ einen denken an schwitzige Blues-Clubs in New Orleans, in denen alte Legenden auf der Bühne stehen, die es, im Businesssinn, nie wirklich geschafft haben, die man darum aber auch nicht bemitleidet, denn sie sind eben alte Blues-Legenden, mit ihren runzeligen Geriatrielippen am Saxophon. Vielleicht wäre das ein Ausweg aus Begemanns Traurigkeit, aber er wird sich ihm erst in dreißig Jahren eröffnen. Eine andere Möglichkeit scheint Funny van Dannen gefunden zu haben, der grob geschätzt gerade mindestens seine zehnte CD veröffentlicht hat, ohne jemals den ganz großen Durchbruch gepackt zu haben, insofern Begemann also gleicht. Van Dannen sang nämlich schon vor geraumer Zeit die Zeilen: "Ich wäre gerne Popstar geworden, so zwischen zwanzig und dreißig. / Aber gut, was soll ich sagen? Wie Popstars aussehen weiß ich. / Und ich habe mich immer schwer getan mit Szenen und so Kreisen, / und ich war schließlich frei ich musste keinem was beweisen. / Und ich wollte mich nie verkaufen an die Kommerzidioten, / aber ehrlich gesagt, es hat auch niemand was geboten." Und das mit einer Leichtigkeit, dass man ihn niemals für einen traurigen Mann halten würde - sondern eher selbst traurig werden könnte über die Sorge, ob man es auch schafft, einmal mit solch einer Leichtigkeit darüber zu singen, dass man kein Popstar wurde. Vielleicht sollte Bernd Begemann sich einmal bei seinem Kollegen erkundigen, was dessen Trick ist. Auf dass wir auch Herrn Begemann nicht mehr traurig finden müssen.
Der traurige Flair von Las Vegas scheint diese Art von Konzertgestaltung zu umwehen und Begemann erfüllt den Anspruch dieser Traurigkeit: dass er sich mit seinen Mitmusikern streitet, dass er ironischen Abstand zu seinen Liedern und seinem Publikum hält, das alleine macht es nicht aus; viele tun das ja, ohne dass wir ihnen gleich eine Traurigkeit unterstellen (eher im Gegenteil, meistens wirken sie dadurch um so beschwingter). Aber die Art, mit der Begemann diesen Zirkus betreibt, die ist doch bemerkenswert. Man wird das Gefühl nicht los, als habe er tatsächlich keine Lust mehr auf den ganzen Kram, darauf seit zwanzig Jahren mittelerfolgreich herumzutingeln. Entweder spielt er den leidenden Entertainer hervorragend subtil oder er ist tatsächlich einer.
Das soll nicht heißen, dass es ein schlechtes Konzert war, gestern Abend. Gerade dem Begemann-Unkundigen wurde bewiesen, wie unpeinlich Entertainment doch sein kann. Selbst Mitmachaktionen (die Männer singen dieses, die Frauen singen jenes) brachte er elegant über die Bühne, mit einem Ergebnis, das sich tatsächlich nett anhörte. "Unten am Fluss" sang das Publikum, "Wo noch mal genau?" sprach Begemann lässig dazwischen, "unten am Fluss" - "nur damit wir uns richtig verstehen" - "wo die großen" - "Ich will das nur klarstellen" - "Schiffe schlafen". Das war ganz wunderbar, wie er das gemacht hat. Vielleicht ist es nur ein Artikel in der Titanic, der einen auf den Gedanken mit der Traurigkeit bringt. Begemann wurde gelobt dort, weil aus seinen Werken tatsächlich eine Art von Scheitern spricht, denn er hat es immer noch nicht geschafft. Wenn er jetzt auf seine Lieder schimpft, auf die betrunkenen BWL-Studenten, die sie singen, und auf seine Bandmitglieder, dann kommt man nicht umhin, dahinter etwas Tatsächliches zu vermuten. Der traurige Bernd Begemann. Man möchte, denkt man dann, nicht mit ihm tauschen. In seinem Alter, nach all den Jahren und Liedern, nicht so da oben stehen.
Es war außergewöhnlich heiß im Blue Shell an diesem Abend, das Klima ließ einen denken an schwitzige Blues-Clubs in New Orleans, in denen alte Legenden auf der Bühne stehen, die es, im Businesssinn, nie wirklich geschafft haben, die man darum aber auch nicht bemitleidet, denn sie sind eben alte Blues-Legenden, mit ihren runzeligen Geriatrielippen am Saxophon. Vielleicht wäre das ein Ausweg aus Begemanns Traurigkeit, aber er wird sich ihm erst in dreißig Jahren eröffnen. Eine andere Möglichkeit scheint Funny van Dannen gefunden zu haben, der grob geschätzt gerade mindestens seine zehnte CD veröffentlicht hat, ohne jemals den ganz großen Durchbruch gepackt zu haben, insofern Begemann also gleicht. Van Dannen sang nämlich schon vor geraumer Zeit die Zeilen: "Ich wäre gerne Popstar geworden, so zwischen zwanzig und dreißig. / Aber gut, was soll ich sagen? Wie Popstars aussehen weiß ich. / Und ich habe mich immer schwer getan mit Szenen und so Kreisen, / und ich war schließlich frei ich musste keinem was beweisen. / Und ich wollte mich nie verkaufen an die Kommerzidioten, / aber ehrlich gesagt, es hat auch niemand was geboten." Und das mit einer Leichtigkeit, dass man ihn niemals für einen traurigen Mann halten würde - sondern eher selbst traurig werden könnte über die Sorge, ob man es auch schafft, einmal mit solch einer Leichtigkeit darüber zu singen, dass man kein Popstar wurde. Vielleicht sollte Bernd Begemann sich einmal bei seinem Kollegen erkundigen, was dessen Trick ist. Auf dass wir auch Herrn Begemann nicht mehr traurig finden müssen.
larsweisbrod - Musisches - 12. Aug, 18:25

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