Bei der Zahnprophylaxe
Manchmal spuckt man Blut. Ich spucke gerade Blut. Die Ärztin benutzt noch mal das Ultraschallgerät, das gleichzeitig mit eiskaltem Wasser kühlt, damit der Zahn nicht überhitzt. Sobald sie in den hinteren Rachen kommt, sirrt es unerträglich in meinen Ohren. Dann nochmal das Strahlgebläse. Das sei im Prinzip das gleiche wie das, womit man die Felgen vom Golf reinige, hat sie gesagt. Sie benutzt gerne Metaphern. Harte Salzkristalle prassen ab und zu auf meine Zunge ein, wenn sie daneben zielt. Dann geht sie mit ihren blitzenden, scharfen Instrument zwischen die Zähne. Ich versuche zuerst, mich zu entspannen und den Schmerz zu fixieren, dann mich zu verkrampfen und den Schmerz zu fixieren und dann an etwas anderes zu denken und den Schmerz zu ignorieren. Das kommt mir aber feige vor, deswegen versuche ich es wieder mit dem Entspannen. Ich schaffe es nicht den Schmerz zu fixieren und zuzulassen, nicht mal wenn ich mir im Kopf sage, der Schermz sei mein Freund oder dass er zu mir gehöre. Er ist zu unregelmäßig, willkürlich. Er hört auf und beginnt an einer anderen Stelle erneut, man weiß nie, wo das spitze Ding zusticht. Ich wünsche mir, die Ärztin würde mir ohne Unterbrechung wehtun, an der gleichen Stelle, damit kann ich umgehen. Vor mir liegt die blutverschmierte Zahnseide. Auch damit kann ich umgehen. Aber nicht mit dieser Unregelmäßigkeit. Unregelmäßig wie Handwerker, die morgens bohren. Und aufhören zu bohren. Und wieder anfangen zu bohren, für eine Sekunde aufhören und weiterbohren. Unregelmäßig wie Wasser, das mir auf die Stirn tropft.
larsweisbrod - Differentialdiagnose - 27. Jun, 18:18

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