Zugabe
Ich gehe gerne in Apotheken. In Apotheken ist alles sauber und sortiert und die Regale sind hoch und es ist hell und die Angestellten tragen weiße Kittel. Wie ein Drogeriemarkt ist auch eine Apotheke eine Oase der Rein- und Gesundheit und immer, wenn man einen Drogeriemarkt oder eine Apotheke verlässt, dann kann man ein ganz kleines Stück dieser Rein- und Gesundheit mit in die dreckige, kränkliche Welt nehmen, die sich um die Oase herum erstreckt soweit das Auge reicht. Dieses kleine Stück ist genau richtig dosiert, mehr braucht man gar nicht, mehr möchte man gar nicht, denn man suhlt sich gern im Dreck und Gekränkele der Welt, macht ab und zu gut dosierte Pausen und lebt damit nicht schlecht. Und wenn man mal eine größere Pause benötigt, weil die Welt eine Schlammkruste auf Haut und Herz und physischen sowie psychischen Husten hinterlassen hat, dann geht man in den Drogeriemarkt. Oder in die Apotheke. Verweilt dort einen Augenblick.
Ich gehe gerne in Apotheken. Besonders, weil sie einem dort alles in eine kleine Tüte packen, eine ganz possierliche Tüte aus ganz dünnem Plastik, das ganz freundlich und in hellen Tönen knistert. Noch besonderer, weil Apotheken nie vollgestellt sind und man genug Platz hat, um zwischen den Regalen und Auslagen alle Standarttänze der Welt oder irgendetwas Undefinierbares zu tanzen, ohne etwas umzustoßen oder auch nur zu streifen. Am besondersten aber, weil man in die kleine Tüte, mit der man die Apotheke durch einen weiten Raum voll weit auseinanderstehender Regale und Auslagen verlässt, immer eine kleine Zugabe bekommt, ein kleines Geschenk, nicht mehr als ein Wink, dass man wiederkommen kann, wenn da mal wieder Dreck und Husten an einem ist.
Das kleine Geschenk, das war in den Apotheken, die ich bisher besuchte, oft eine Packung mit drei Bonbons. Oder ein Beutel exotischer Tee. Oder ein Fruchtsaft, den man heiß und kalt trinken kann und der ganz seltsam schmeckt. Aber das war nicht tragisch, denn die Geste zählte ja, der Wink, der reine gute Wille. Ich war nie enttäuscht. Bisher. Aber dann war ich vor Kurzem in einer Apotheke, in der es auch sauber und hell und weiträumig und weißbekittelt zuging, doch in meine kleine Tüte legten sie mir nichts dazu als eine Packung Papiertaschentücher. Mit einer Werbung für Nasenspray vorne drauf. Ich benutze kein Nasenspray, ich mag es nicht, dass man nach der Anwendung von Nasenspray das Gefühl hat, man schmecke auf einmal nicht mehr mit der Zunge, sondern ganz hinten in der Nase und ganz vorne im Rachen und sogar mit den Augen. Und Taschentücher habe ich genug, eine riesige Multipackung aus dem Supermarkt. Aber eine Packung mit drei Bonbons, einen Beutel exotischen Tee oder einen vielfältigen, seltsamen Fruchtsaft habe ich nicht. Ich war enttäuscht. Enttäuscht von der Apotheke. Fast mürrisch trat ich in die dreckige, hustende Welt, sie hustete mir ihren Staub und ihre Dämpfe ins Gesicht und ich nieste. Und obwohl ich noch immer lieber Bonbons, Tee oder Saft gehabt hätte, wusste ich auf einmal, dass man es dort drin nur gut mit mir gemeint und weise geahnt hatte, was ich brauchen würde. Alle Enttäuschung verflog und ich wäre zurückgegangen, um mich zu bedanken und ein wenig zu bleiben, wenn ich nicht Termine gehabt hätte, Termine in der dreckigen, kränklichen Welt.
Ich gehe gerne in Apotheken. Besonders, weil sie einem dort alles in eine kleine Tüte packen, eine ganz possierliche Tüte aus ganz dünnem Plastik, das ganz freundlich und in hellen Tönen knistert. Noch besonderer, weil Apotheken nie vollgestellt sind und man genug Platz hat, um zwischen den Regalen und Auslagen alle Standarttänze der Welt oder irgendetwas Undefinierbares zu tanzen, ohne etwas umzustoßen oder auch nur zu streifen. Am besondersten aber, weil man in die kleine Tüte, mit der man die Apotheke durch einen weiten Raum voll weit auseinanderstehender Regale und Auslagen verlässt, immer eine kleine Zugabe bekommt, ein kleines Geschenk, nicht mehr als ein Wink, dass man wiederkommen kann, wenn da mal wieder Dreck und Husten an einem ist.
Das kleine Geschenk, das war in den Apotheken, die ich bisher besuchte, oft eine Packung mit drei Bonbons. Oder ein Beutel exotischer Tee. Oder ein Fruchtsaft, den man heiß und kalt trinken kann und der ganz seltsam schmeckt. Aber das war nicht tragisch, denn die Geste zählte ja, der Wink, der reine gute Wille. Ich war nie enttäuscht. Bisher. Aber dann war ich vor Kurzem in einer Apotheke, in der es auch sauber und hell und weiträumig und weißbekittelt zuging, doch in meine kleine Tüte legten sie mir nichts dazu als eine Packung Papiertaschentücher. Mit einer Werbung für Nasenspray vorne drauf. Ich benutze kein Nasenspray, ich mag es nicht, dass man nach der Anwendung von Nasenspray das Gefühl hat, man schmecke auf einmal nicht mehr mit der Zunge, sondern ganz hinten in der Nase und ganz vorne im Rachen und sogar mit den Augen. Und Taschentücher habe ich genug, eine riesige Multipackung aus dem Supermarkt. Aber eine Packung mit drei Bonbons, einen Beutel exotischen Tee oder einen vielfältigen, seltsamen Fruchtsaft habe ich nicht. Ich war enttäuscht. Enttäuscht von der Apotheke. Fast mürrisch trat ich in die dreckige, hustende Welt, sie hustete mir ihren Staub und ihre Dämpfe ins Gesicht und ich nieste. Und obwohl ich noch immer lieber Bonbons, Tee oder Saft gehabt hätte, wusste ich auf einmal, dass man es dort drin nur gut mit mir gemeint und weise geahnt hatte, was ich brauchen würde. Alle Enttäuschung verflog und ich wäre zurückgegangen, um mich zu bedanken und ein wenig zu bleiben, wenn ich nicht Termine gehabt hätte, Termine in der dreckigen, kränklichen Welt.
nadjaschlueter - Konsum ist eine Lösung - 6. Jun, 00:13
