Molly, oh Molly, und die Kälte ward vergessen
Dreißig Minuten Verspätung, ein Bahnhof mit wenigen und natürlich vollständig besetzten Sitzplätzen in der Vorhalle sowie furchtbar schlechtem Wetter auf dem Vorplatz und Läden, die einen nun wirklich nicht interessieren bzw. keinen Platz bieten für ein Mädchen, dessen Körperumfang durch einen Rucksack und zwei Taschen um ein nicht geringes Maß erweitert wird. Was kann man anderes tun, als auf den Bahnsteig flüchten, sich dort das Gesäß auf einer kalten Bank verkühlen und den Menschen beim Schimpfen zuhören? Nichts, außer auf den Bahnsteig flüchten, sich dort das Gesäß auf einer kalten Bank verkühlen und hoffen, dass ein lustiger Mann mit einer Nici-Ente in der Hemdtasche auftaucht.
Ich muss zwar zugeben, dass ich darauf gar nicht hoffte, als ich gestern so dasaß und fror, aber heute bin ich klüger und weiß, dass man darauf hoffen sollte.
Ein lustige Mann tauchte also unverhofft auf, schob einen Einkaufswagen mit einer Menge Gerümpel vor sich her und blieb vor mir und der schimpfende Gruppe älterer Herrschaften, die neben mir auf der Stelle traten, stehen. Seinen Namen, den er uns nannte, habe ich leider vergessen, ebenso den Namen der Nici-Ente, die seiner Aussage nach "stinkbesoffen aus der Tasche gefallen" sei. An den Namen der augenscheinlich nüchternen Nici-Ente, deren Kopf aus der Hemdtasche des Mannes ragte, erinnere ich mich aber sehr wohl: Sie hieß Molly. Molly und der Mann waren unterwegs, um den "Kölner Express" zu verkaufen. Leider wollte den niemand haben, weder die schimpfenden Herrschaften noch ich. Wer will schon den Kölner Erxpress, wenn er gerade warten und frieren bzw. schimpfen muss? Der Mann schien darüber gar nicht sonderlich enttäuscht, er schob bloß Mollys Köpfchen zurück in die warme Tasche und schickte sich an, anderswo Kunden zu werben, als er plötzlich doch noch einmal stehenblieb und mich fragte: "Aber Molly ist toll, oder?"
Eigentlich stehe ich Nici-Enten recht leidenschaftslos gegenüber, aber wenn sie Molly heißen und aus Hemdtaschen gucken bin ich durchaus bereit, ein wenig Begeisterung für sie zu entwickeln. Dachte es und sprach: "Molly ist top!"
Helle Begeisterung bei meinem Gegenüber: "Ja, nicht wahr? Molly ist Beraterin von Heidi Klum! Heidi macht nichts ohne die, die ruft die jeden Tag an! Und Molly ist sowas von eingebildet! Gell, Molly?" Fröhlich ließ er Mollys Kopf wieder aus der Tasche ploppen und jene sagte mit heller Stimme: "Ja, ich bin eingebildet wie nix!" Dann gingen die beiden und ich fragte mich, ob da eben ein Wirrnis aus dem Wort "top" und seiner Nähe zum Begriff "Topmodel" enstanden war. Und kicherte ein bisschen. Aber nur ganz leise, damit die schimpfenden Herrschaften ihren gerade wieder aufgenommenen rageroten Schimpffaden nicht gleich wieder verloren.
Dann kam der Zug, in dem leider kein Mann und keine Molly waren, sondern bloß ein winziges Mädchen auf dem Sitz neben mir, das mir ohne Vorwarnung den Zeigefinger ins Ohr steckte. Und das war eigentlich auch nicht gestern sondern erst heute, als ich schon klüger war und wusste, worauf man hoffen sollte.
Ich muss zwar zugeben, dass ich darauf gar nicht hoffte, als ich gestern so dasaß und fror, aber heute bin ich klüger und weiß, dass man darauf hoffen sollte.
Ein lustige Mann tauchte also unverhofft auf, schob einen Einkaufswagen mit einer Menge Gerümpel vor sich her und blieb vor mir und der schimpfende Gruppe älterer Herrschaften, die neben mir auf der Stelle traten, stehen. Seinen Namen, den er uns nannte, habe ich leider vergessen, ebenso den Namen der Nici-Ente, die seiner Aussage nach "stinkbesoffen aus der Tasche gefallen" sei. An den Namen der augenscheinlich nüchternen Nici-Ente, deren Kopf aus der Hemdtasche des Mannes ragte, erinnere ich mich aber sehr wohl: Sie hieß Molly. Molly und der Mann waren unterwegs, um den "Kölner Express" zu verkaufen. Leider wollte den niemand haben, weder die schimpfenden Herrschaften noch ich. Wer will schon den Kölner Erxpress, wenn er gerade warten und frieren bzw. schimpfen muss? Der Mann schien darüber gar nicht sonderlich enttäuscht, er schob bloß Mollys Köpfchen zurück in die warme Tasche und schickte sich an, anderswo Kunden zu werben, als er plötzlich doch noch einmal stehenblieb und mich fragte: "Aber Molly ist toll, oder?"
Eigentlich stehe ich Nici-Enten recht leidenschaftslos gegenüber, aber wenn sie Molly heißen und aus Hemdtaschen gucken bin ich durchaus bereit, ein wenig Begeisterung für sie zu entwickeln. Dachte es und sprach: "Molly ist top!"
Helle Begeisterung bei meinem Gegenüber: "Ja, nicht wahr? Molly ist Beraterin von Heidi Klum! Heidi macht nichts ohne die, die ruft die jeden Tag an! Und Molly ist sowas von eingebildet! Gell, Molly?" Fröhlich ließ er Mollys Kopf wieder aus der Tasche ploppen und jene sagte mit heller Stimme: "Ja, ich bin eingebildet wie nix!" Dann gingen die beiden und ich fragte mich, ob da eben ein Wirrnis aus dem Wort "top" und seiner Nähe zum Begriff "Topmodel" enstanden war. Und kicherte ein bisschen. Aber nur ganz leise, damit die schimpfenden Herrschaften ihren gerade wieder aufgenommenen rageroten Schimpffaden nicht gleich wieder verloren.
Dann kam der Zug, in dem leider kein Mann und keine Molly waren, sondern bloß ein winziges Mädchen auf dem Sitz neben mir, das mir ohne Vorwarnung den Zeigefinger ins Ohr steckte. Und das war eigentlich auch nicht gestern sondern erst heute, als ich schon klüger war und wusste, worauf man hoffen sollte.
nadjaschlueter - Was wir anderswo erzählen - 22. Mrz, 20:19
